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“Die Geschichte des Schattenspiels beginnt ungleich früher als die Geschichte des Theaters. Sie beginnt in dem Augenblick, da der erste Lichtstrahl durch das Urdunkel zuckt und zum erstenmal
Licht und Schatten sich als Pole gegenüberstehen. Jahrmillionen lang spielt die Natur für sich allein: mit jeder Wolke, die sich vor die Sonne schiebt, mit jedem Baum, der seine Silhouette auf den Boden
zeichnet, mit jedem Blatt, das mit seinem Schatten tänzelt. Eines Tages [...] kam es [...] dazu, daß sich ein weiser, vielleicht auch nur ein kluger Mensch aus einer Lampe eine Sonne machte und einen
transparenten Schirm aufstellte als Grenze zwischen drüben und herüben. Und wie ein Gott hatte er die Figuren in der Hand; sie lebten, solange er sie hielt und bewegte, sie waren tot, als er sie
weglegte.” Krafft in: Hansmann,Claus: Schattenspiel aus Szetschuan. München 1964, S. 1)
Ob so das erste Schattenspiel entstand? Wir wissen es nicht. Was hingegen feststeht, ist die enorme Faszination dieses Mediums, sei es beim Spiel mit Figuren, mit den Händen oder mit dem eigenen Körper.
Diese Homepage beschäftigt sich vor allem mit dem Menschenschattenspiel: eine Leinwand, eine Lichtquelle, ein paar gute Ideen und schon geht es los! Viel Freude dabei!
Aus: Fragen und Versuche, Heft 38, 1987, S. 22 f.:
Gerd Haehnel:
NEUES VON DER FREINET-PÄDAGOGIK:
menschen schatten spiele
Das Spiel mit dem eigenen Schatten : Büroklammern werden zu riesigen Ungeheuern, plötzlich tauchen die farbigen Regenbogenschatten auf, spielen in einer zauberhaften Unterwasserschattenwelt! Und das
Tollste: Eine Leinwand, eine Lichtquelle, ein paar gute Ideen - und schon geht‘s los!
Obwohl das Menschenschattenspiel mittlerweile von den Treffen der bundesdeutschen Freinetlehrer (Pädagogik-Kooperativen) nicht mehr wegzudenken ist, handelt es sich keinesfalls um eine neue
“Erfindung”: Schon Goethe hatte solche Aufführungen erlebt, die Romantiker erreichten Professionalität,
und in der Jugendbewegung spielte man Schattenpossen und Schwänke, so etwa den “Doktor Eisenbart”. Eine regelrechte Blütezeit scheint das Menschenschattenspiel dann bei den Nazis erlebt zu
haben, die wohl die Faszination dieses Mediums für ihre Propaganda nutzten! Nach dieser Epoche voller
dunkler und düsterer Schatten, nach dem zweiten Weltkrieg also, finden sich bis in die sechziger Jahre hinein immer wieder Berichte über Schattenspiele in der Schule. Danach scheint das
Menschenschattenspiel ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein. Zwar gab und gibt es hin und wieder einzelne Lehrer, die dieses Medium eingesetzt haben, aber erst in neuester Zeit wird es wohl
wieder stärker genutzt, vor allem von den bundesdeutschen Freinetlehrern (Pädagogik-Kooperativen), der nach meiner Übersicht zurzeit einzigen Bewegung, die das Menschenschattenspiel aufgegriffen,
praktisch und theoretisch aufgearbeitet und kontinuierlich fortentwickelt hat,
Fortentwickelt, das heißt auch: befreit von allzu betulichen Märchentümeleien und geöffnet für fortschrittliche Inhalte; gelöst von allzu starren, vorgeblich sachnotwendigen Regeln und erweitert um
viele multimediale und experimentelle Möglichkeiten. Ich denke dabei etwa an Stücke wie zum Thema Tschernobyl auf dem letzten Bundestreffen oder an solche mit avantgardistischem Charakter während
einer Fortbildung in Venedig mit italienischen Freinetlehrern.
Dass dieses Medium gerade von den Freinetpädagogen in so starkem Maße aufgegriffen wurde, dass es bei vielen Freinettreffen in immer neuen Gewand auftaucht, ist meiner Ansicht nach kein Zufall, denn das
Menschenscbattenspiel kommt den Prinzipien dieser Pädagogik entgegen: Ein lockerer, von einer
“fragenden und versuchenden” Grundhaltung geprägter Umgang ist eigentlich erst die Voraussetzung für
das Erwecken der bunten Vielfältigkeit, die dieses Medium so faszinierend macht. Mangelnde Perfektion schadet keineswegs, und manchmal kommt es gerade deswegen zu interessanten Stücken. Es bieten
sich die vielfältigsten Möglichkeiten für Freien Ausdruck, vor allem, wenn man andere Medien wie Musik, Farbe, Sprache, Zeichnungen, Dias usw. einbezieht. Mit der Zeit wird man auch merken, welche
enormen Chancen für fächerübergreifenden und projektorientierten Unterricht sich hier ergeben.
Besondere Fähigkeiten braucht man für das Menschenschattenspiel keineswegs! Wenn ein Schüler beispielsweise nicht so gerne mitspielen möchte, dann malt er halt die Kulissen, oder er sorgt für die
Technik, oder er ist für die Requisiten verantwortlich. Die unterschiedlichsten Begabungen werden gebraucht! Und nach einer gewissen Einarbeitungszeit sind Aufführungen, etwa für das Schulfest oder
die Weihnachtsfeier, kein Problem mehr. Ganz leicht kommt man zu tollen Ergebnissen. Aber das lässt sich in einem Aufsatz und auch durch Photos oder Zeichnungen nur schwer vermitteln. Die Schatten
haben eine sehr spezifische Wirkung, und um die ganze Faszination dieses Mediums zu erfassen, muss man wohl einmal ein Schattenspiel mitgemacht oder erlebt haben!
Im Übrigen benötigt man nur relativ geringe Mittel für das Menschenschattenspiel. Im Prinzip reichen eine einfache Schreibtischlampe und zwei mit Sicherheitsnadeln aneinander geheftete Bettücher, die an
einer Leine aufgehängt werden. Dabei muss man auf sichere Befestigung an den Wänden achten. Nun noch ein ausreichend großer, verdunkelbarer Raum, und schon kann es losgehen! Ein
Tageslichtprojektor als Lichtquelle erweitert die Möglichkeiten enorm, denn dann können Kulissen einfach auf eine Folie gemalt werden. Durch die Projektion auf die Leinwand erscheinen sie riesig.
Mehrere Tageslichtschreiber und farbige Overheadprojektionsfolien ermöglichen einen Einstieg ins Reich
der Farbschatten, und im “Farbenwirbel” zu aktuellen Hits tanzen zu können, das ruft bei den Schülern
oft Begeisterung hervor. Und nicht nur bei Schülern: Als unser Kollegium an der neugegründeten Gesamtschule Essen Mitte zu Beginn dieses Schuljahres vor der Frage stand, wie unsere neuen
Schüler und die Eltern begriisst werden könnten, kamen wir auf die Idee, ein Menschenschattenspiel vorzubereiten. Das ging relativ schnell, hat viel Spaß gemacht - und war so ganz nebenbei eine gute
Kennenlernmöglichkeit!
Für das Menschenschattenspiel gibt es beinahe unendlich viele Möglichkeiten. ... In jedem Fall sollte die
Schattenbühne robust, standsicher und fest aufgebaut sein, damit sie auch eventuelle Drängeleien der Schüler übersteht, überhaupt sollte man bei der Technik und Bühnengestaltung ausreichende
Hilfestellungen geben, die Kabel vernünftig verlegen usw., damit es im Eifer des Spieles nicht zu Schwierigkeiten kommen kann.
Wie gesagt: Die Möglichkeiten dieses Mediums sind beinahe unbegrenzt. Es ist jedoch wichtig, dass man als Lehrer erst einmal eigene Erfahrungen sammelt, damit man für sein spezielles pädagogisches
Umfeld die richtige Vorgehensweise herausfinden kann. So wird man auch anfängliche Hemmungen besser verstehen können, die bei manchen Schülern, je nach Alter unterschiedlich stark, auftreten. Das
Schattenspiel in der Praxis kennen lernen kann man auf vielen Freinettreffen (nicht immer, vorher
anfragen; Termine in der Zeitschrift “Fragen und Versuche”). Aber sicher lässt es sich ja auch einmal auf einer Geburtstagsfete ausprobieren, oder im Bekanntenkreis! ...
Ja, und dann beginnt man vielleicht zunächst mit einer zahlenmäßig kleineren AG, denn mit der ganzen Klasse auf einmal ist es oft schwieriger. Wichtig ist jedenfalls nach meiner Erfahrung immer, die
Einstiegsphase sorgfältig zu planen und genau zu beobachten. Hilfen und Tipps für all dies finden sich in der angegebenen Literatur.
Nun aber noch ein paar Möglichkeiten aus der Schattenspielpraxis! Jedes Jahr stellt sich die gleiche Frage: Wie gestalten wir bloß die Weihnachtsfeier? Ich werde meinen Schülern in der 5. Klasse dieses
Mal vorschlagen, in einem Schreibspiel aufzuschreiben, was sie sich für das nächste Jahr wünschen und was nicht. Dann werden wir darüber sprechen und überlegen, wie man die “Wünsche” und
“Nichtwünsche” mit dem Menschenschattenspiel, vielleicht als Standbilder, darstellen kann. Wir werden
das einüben und dabei den jeweiligen, auf Folie geschriebenen oder gemalten Begriff auf die Leinwand projizieren. Dazu passt eine ruhige Musik, etwa der Kanon von Pachelbel vom Tonband oder auch etwas
Selbstgespieltes. Und dann gibt‘s eine Aufführung! Das schwebt mir im Augenblick vor, mal sehen, was die Schüler dazu sagen und was Letztendlich daraus wird. [...]
Erdrückende, drohende, schwarze Schatten gibt es in unserer Zeit genug! Machen wir uns auf die Suche
nach der Kraft der Phantasie, entdecken wir die bunte Schattenwelt! Viel Spaß dabei!
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