Predigt zu "Alles in Luther?"

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Inhalte dieser Seite:

Im “Anders Werden Gottesdienst” der Evangelischen Kirche Essen Werden zum Thema “Alles in Luther?” hielt Pfarrer Martin Schmerkotte am 30.10.2005 die folgende Predigt, für deren Abdruckmöglichkeit ich mich herzlich bedanke.

(Pfarrer Schmerkotte, fotografiert von B. Gisewski)

Missverständnisse

1.: Martin Luther war kein Held!
Sicher – er ist in Situationen standhaft geblieben, als andere eingeknickt sind.
Er hat manches ausgehalten.
Und er hat den Mächtigen seiner Zeit, dem Papst, dem Kaiser, die Stirn geboten.

Aber: der Held, der Glaubensheros, der mit strahlendem Blick und stählernem Willen durch alles hindurchgeht – (und nicht selten wurde gerade dieses Lutherbild unter die Leute gebracht) -
dieser Held war er nicht.
Denn auch das gehört zu ihm:
seine inneren Kämpfe, seine Angst, seine Depressionen.
Drückende Momente, in denen er an der Richtigkeit seiner Sache zweifelte, begleiteten und bedrängten ihn sein ganzes Leben.
Ein Held, der seinen Weg geht – selbstsicher, selbstbewusst, gerade – das war Luther nicht.

2.: Martin Luther war kein Heilsbringer!
Sicher – er hat dafür gekämpft, dass Missstände in der Kirche beseitigt werden.
Er hat versucht, Menschen Ängste zu nehmen – Ängste vor Gott, aber auch Ängste vor sich selbst, vor den eigenen Taten und deren Folgen.

Aber: er war auch in seiner Zeit gefangen; er hat auch schrecklich geirrt:

  • seine Rolle in den Bauernkriegen
  • seine Stellungnahmen zu den Juden in Deutschland oder zum Problem der Hexenverfolgung
  • Manche Wegbegleiter hat er vor den Kopf gestoßen.
  • Die große Spaltung innerhalb des evangelischen Lagers zwischen den Lutheranern und den Reformierten/Calvinisten hatte ihren Grund auch in der Kompromißlosigkeit Luthers.
  • Und gerade der alte Luther war in vielen Dingen pessimistisch und verbittert.
  • Heilsbringer – Lichtgestalt – für viele Menschen ist er das nicht gewesen.

3.: Martin Luther war kein „Evangelischer Kirchenvater“.

Weder wollte er die abendländische Kirche spalten noch eine eigene Evangelische Kirche gründen Reformieren wollte er, nicht trennen.

Erst als er und seine Anhänger mit Gewalt bedroht und aus der katholischen Kirche ausgeschlossen werden, entsteht – sozusagen als Notgründung – in Ansätzen eine Art „Evangelische Kirche“.

Fazit: Gerade als evangelische Christinnen und Christen müssen wir die Person Luthers nüchtern und kritisch sehen – sollten versuchen, den wesentlichen Kern hinter den Luther-Legenden (= Gründungsmythen der Evangelischen Kirche) zu entdecken.

These: aber gerade wenn wir nach dem Wesentlichen in Luthers Leben fragen, muss gesagt werden: wahrscheinlich würde Martin Luther uns – gerade auch uns Evangelischen, die wir uns auf ihn berufen – kritisch sehen.

An den Stellen, die ihm besonders wichtig waren, würde er dort nicht gerade uns befragen – vielleicht sogar in Frage stellen?

Anfragen

1.: Ist Gott für Dich ein Gott, der fern ist und der in der Distanz zu Dir bleibt?

Martin Luther würde sagen: Gott ist nicht distanziert und fern. Zu keinem Menschen! Sondern: Gott ist jedem von uns ganz nah. Er steht in einer direkten Beziehung zu jedem von uns. Deshalb brauchen wir Menschen niemanden und nichts, was zwischen uns und Gott stehen und vermitteln kann.

Wir brauchen keine religiöse Spezialisten, die uns erst sagen und erklären müssten, wer und wie Gott ist. Niemand kann an für mich denken, empfinden oder glauben. Luthers Überzeugung war:

Wir alle sind „Gottes-Spezialisten“ – jedem von uns ist Gott nah!

Wir brauchen auch keine besonderen heiligen Hilfsmittel, Rituale, oder Praktiken, um mit Gott umgehen zu können. Wer seine Hoffnung auf solche Dinge setzt, der fixiert sich auf Nebensächliches und übersieht vielleicht: Gott ist da, Gott ist nah und greifbar – ganz ohne solche Dinge - für jeden von uns!

2.: Ist Gott für Dich ein Gott, dessen Barmherzigkeit und Gnade Du Dir erst verdienen musst?

Vielleicht die wichtigste Erkenntnis Luthers – ein Schatz des Glaubens – durch Zweifel und Auseinandersetzungen hindurch erkämpft: Wir Menschen müssen Gott nicht erst gnädig stimmen und uns seine Barmherzigkeit verdienen – durch besondere fromme Werke – durch Verzicht, Kasteiungen, besondere Leistungen – durch Selbstverleugnung und Selbstverdrehung - sondern: Gott ist gnädig, Gott ist barmherzig – vor allem unserem Tun!

Wer diese „reformatorische Wiederentdeckung“ fasst, der vollzieht den Weg Luthers nach – weg von einem rächenden, rechnenden und fordernden Gott hin zu dem Gott der Bibel, dem Vater Jesu, den wir lieben können, weil er uns liebt und seine Wege mit uns gehen will.

3.: Verstehst Du die Kunst, das Wort Gottes wie ein Versprechen an Dich zu hören?

In den biblischen Zeugnissen von Gott, in den Worten Jesu Christi findet Luther immer wieder das eine Versprechen Gottes:

„Ich führe Dich auf guten Wegen, ich helfe Dir auch in schwierigen Situationen, denn ich bin Dein Gott!“

Dieses Versprechen hört er wie ein Wort, ihm persönlich zugesprochen, wie eine Anrede. Auf dieses Versprechen sein Vertrauen zu gründen und sein Leben zu bauen – das heißt für Luther: zu glauben.

Ein solches Wort gibt ihm Sicherheit, die er aus sich selbst gar nicht gewinnen kann. Es gibt ihm Kraft und Mut, sogar vor Papst und Kaiser zu treten. Auf dieses Wort zu bauen, der Kraft Gottes in seinem Wort zu trauen, darauf kommt es für Luther entscheidend an!

Alles in Luther?

Das wäre schön!

Denn er macht Mut zu einem mutvollen Glauben voll Vertrauen in Gottes heilsame Nähe zu jedem Menschen ohne ohne dass sich Menschen aus Angst vor Gott geistlich oder geistig verbiegen oder zerbrechen lassen müssen voll Erwartung, dass Gott uns Menschen durch sein Wort auf den wegen des Heils und des Lebens leitet.

Alles in Luther! Hoffentlich! Amen