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Im “Anders Werden Gottesdienst” der Evangelischen Kirche Essen Werden zum Thema ”Gott warum?”, der auch unter dem Eindruck
der Tsunami-Katastrophe entstanden war, hielt Pfarrerin Maret Schmerkotte, die Sie auf dem Foto links sehen, am 5.6.2005 die Predigt. (Während der Predigt wurde eine PowerPoint Präsentation
auf die Schattenleinwand projiziert. Sie können die Präsentation (628 kb) hier starten.)
Besucher des Gottesdienstes baten um die Möglichkeit, die Predigt noch einmal nachlesen können, deshalb bedanke ich mich herzlich für die Abdruckerlaubnis:
Gott auf der Anklagebank. Wir Menschen klagen Gott an. In dem Theaterstück haben wir verschiedene
Anklagepunkte gehört. Und unzählige weitere könnten hinzu kommen. Die Frage ist wirklich gerechtfertigt: Hätte Gott nicht eine bessere Welt mit weniger Leid schaffen können? Und warum tut er
nicht mehr gegen das Leid? (Hier könnte Gott uns vielleicht zurückfragen: Warum tun wir Menschen nicht mehr gegen das Leid? Denn viele unserer Probleme sind von uns Menschen selbst produziert.)
Aber, Gott schweigt, er ergreifft nicht das Wort, verteidigt sich nicht.
Vielleicht ist das gerade der Skandal: Das Leiden Unschuldiger und das Schweigen Gottes dazu.
Die Frage, die dahinter steht, heißt in der Theologie die „Theodizee“. Frage nach Gottes Rechfertigung
angesichts des Leides in der Welt. Wie kann er all das Leid zulassen? Wie kann er zu all dem Leid schweigen?
Übrigens stellen wir die Frage: Wie kann Gott das zulassen? nie in der anderen Richtung: Wie kann Gott all das Glück zulassen? Warum treffe ich nette und liebe Menschen, habe Freundschaften, fühle
mich angenommen und geliebt? Und genieße die Schönheiten der Natur und des Lebens. Erstaunlicherweise schreiben wir das Gute meist uns selbst, das Schlechte aber Gott zu.
Aber zurück zur sogenannten Theodizeefrage: Es gibt eine Menge Versuche, diese Frage zu beantworten, Gott zu entschuldigen, zu rechtfertigen bzw. dem Leid einen Sinn zu geben.
- Es gibt einen Gegenspieler Gottes, der für das Böse verantwortlich ist. Gott selbst will nur das Gute. Ungeklärt ist hier, warum Gott nicht einfach diesen Gegenspieler vernichtet.
- Leid kommt durch den Sündenfall. Der Mensch ist selbst schuld. Das erklärt vielleicht die menschliche Grausamkeit, aber z.B. nicht die zerstörenden Naturkatastrophen.
Leid ist Strafe. Du warst böse, also musst du
leiden. Aber Jesus selbst weist in der Bibel bei einem Schwerkranken darauf hin, dass dessen Leiden nichts, aber auch nichts mit seinen Taten zu tun hat. Die Frage: Warum gerade ich? ist übrigens
aus diesem Denkzusammenhang heraus gestellt. Was habe ich getan, dass ich so leiden muss? Aber schon die Erfahrung lehrt, dass dieser Zusammenhang nicht aufgeht, dass es
den Bösen immer dreckig und den Guten rosig geht.
- Leid ist Prüfung. Es gibt Menschen, die von sich sagen, dass sie erst nach einem Schicksalsschlag die Tiefe und Bedeutung des Lebens erkannt haben. Oder dass Gott mit dem
Schrecklichen die Glaubenstreue prüft. Es gibt durchaus dafür auch biblische Anhaltspunkte. Dennoch: Jesus hat das Leiden bekämpft, er wollte Menschen davon frei machen.
Im Grunde hat keine dieser klassischen Erklärungen für das Leid Bestand. Ist Gott also doch schuldig?
Ist er für das Leid verantwortlich? Schließlich hat er hat ja diese Welt so geschaffen. Aber wenn er das Leid offenbar nicht verhindern kann, was ist dann mit seiner Allmacht?
Unser Glaubensbekenntnis spricht es aus: Ich glaube an Gott, den Vater den Allmächtigen. Dabei kommt es jedoch darauf an genau zu erfassen, was mit dem Wort allmächtig überhaupt gemeint ist.
Interessant ist hier die biblische Bedeutung des Wortes allmächtig. Gott zeigt sich als der jeweils am Ende Überlegene, Größere und Stärkere, der der alleinigen Rechtsanspruch erhebt. Damit ist jedoch
keine Schöpfer- und Allwirksamkeit Gottes gemeint. Es ist nicht Gott, der alles wirkt und macht. Denn dann wären ja auch Bombenterror, Hungertod und Krebs auf Gottes allmächtiges Handeln
zurückzuführen. Auch die Aussage „bei Gott ist kein Ding unmöglich“ bezieht sich nicht auf eine Gesamtdeutung des Seins oder der Weltgeschichte, sondern auf seine Macht, die Herzen zu bewegen,
in ganz konkreten Situationen. Gottes Allmacht ist die der schöpferischen und heilenden Liebe.
Wir können also festhalten: Gott ist nicht in dem Sinn allmächtig, dass er das Leid abschaffen und das Reich der Liebe beginnen lassen kann, wie er will. Denn die Durchsetzung seiner liebevollen und
leidfreien Herrschaft ist abhängig davon, ob Menschen diese Herrschaft wollen.
Und damit kommen wir zu einem zweiten wichtigen Punkt: Gottes Welt, die Durchsetzung seiner Herrschaft basiert auf Freiheit.
Und Freiheit heißt hier: Ich bin nicht in dem Sinne vorbestimmt, dass Gott mich wie eine willenlose Marionette regiert. Ich kann mich so oder so verhalten. Ich habe die Wahl. Und das heißt, es kann
Gutes oder Schlechtes daraus werden. Die Freiheit, die Wahl zu haben, bedeutet eben auch das Risiko des Missbrauchs. Und Gott ist mit der Erschaffung des Menschen dieses Risiko eingegangen. Er hat
sich ein Gegenüber mit einem eigenständigen Willen geschaffen. Und diesen Menschen kann er nicht zur Liebe zwingen. Wie man überhaupt niemanden zur Liebe zwingen kann. Und deshalb muss Gott
auch das Leid, selbst wenn er es nicht will, zwangsläufig zulassen. Allerdings ist das Leid, das daraus
resultiert, indem wir diese Freiheit missbrauchen, nicht unbedingt Gott anzulasten, sondern uns.
Aber was ist mit den Naturkatastrophen, dem nicht von Menschen verursachten Leid?
Die Bibel begreift Schöpfung als einen fortwährenden Vorgang. Erst mit dem endgültigen Sieg über den Tod ist die Schöpfung abgeschlossen.
Die Frage ist, können wir das aushalten? Können wir die Vorstellung von einem ewigen, allmächtigen
Gott, „der alles so herrlich regiert und der uns auf Adelers Fittichen sicher geführet“ in Frage stellen?
Können wir akzeptieren, dass Gott eine Welt geschaffen hat, die noch nicht fertig ist? Eine Welt, der eine Dynamik innewohnt, deren Folgen selbst Gott nicht immer schon im voraus kennt und beeinflussen
kann? Zugunsten eines nicht diktatorischen, aber überaus liebevollen Gottes?
In unserem Theaterstück wurde Gott schuldig gesprochen und verurteilt. Und - dieses Urteil ist bereits ausgeführt worden. In Jesus Christus wurde Gott als Jude geboren, unehelich, er wurde unschuldig
verklagt, ihm wurde kein ehrlicher Prozess gemacht und letztlich starb er einsam und grausam am Kreuz.
Er hat die Erwartungen an ihn als Gottessohn nicht erfüllt. Er war nicht der Mächtige, der die Römer aus
dem besetzten Israel vertrieb, er war nicht der Befreier, der die Armut abschaffte, die Reichen bestrafte,
nicht der, der das Leid der Welt für immer beseitigt hat. Ja, Jesus ist gegen das Leiden von Menschen
vorgegangen, er heilte, richtete auf, schaffte Gemeinschaft, er tat es gewaltlos mit der Macht heilender Liebe.
Tröstet uns nun dieses Urteil - Gott am Kreuz? Vielleicht nicht in dem Sinne, dass Gott nun seine Strafe hat. Aber Jesus hat uns durch das, was er selbst erlitten hat, Möglichkeiten des Umgangs mit
dem Leid eröffnet.
- Er schreit am Kreuz: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Jesus klagt vor Gott und seine Worte sind zugleich auch Anklage. Denn auf die Frage: Warum? will Jesus keine theoretische Antwort,
vielmehr will er damit sagen: Das hättest du nicht tun dürfen. Dennoch: Jesus wendet sich Gott zu. Er sieht seinen nahenden Tod als eine Begegnung mit Gott, wenn
auch als eine sehr zweifelhafte, skandalöse. Er hält einfach trotz allem an Gott fest. Gegen Gottes offensichtliches Handeln appelliert er an Gottes Treue, beruft sich sogar auf sie.
- Und genau darum geht es: alle Geschehnisse in unserem Leben in das Gespräch mit Gott einzubeziehen. Wenn ich vom Leid verschont werde, habe ich Anlass, Gott zu danken. Wenn mich Leid
trifft, so ist das Anlass, mein Leben zu bedenken oder mich fester an Gott zu klammern. Alles was mir begegnet hat mit dem Verhältnis zu ihm zu tun, wird also Teil meines Redens mit Gott, sei es Dank
oder Klage, Jubel oder Schreien, ja ich darf auch schreien: Gott, warum?
Und das ist vielleicht wichtiger als alle theoretischen Antwortversuche auf die Warumfrage, dass ich schreien darf und Gott mich hört. Und dass ich dabei weiß, Gott lässt sich sogar auf mein Leid ein. Es
gibt nichts, wo er nicht schon längst ist.
Wenn wir in der Schule Völkerball gespielt haben, konnte es sehr wehtun, wenn man von einem Ball getroffen wurde. Es kam darauf an, dem Ball auszuweichen. Aber irgendwann wurde man doch getroffen
. Und nur wenn man den Ball dann auffangen und weitergeben konnte, bedeutete er nicht das Aus. Mit dem Leid ist es vielleicht ähnlich. Es kommt auf einen sehr schmerzhaft zu, es kann einen umwerfen,
und nur wenn ich es auffange, und ihm eine neue Richtung gebe, werde ich es wieder los. Wenn ich es also umdeute, umlenke, aus ihm ein Stück Geschichte mache. Dies kann im Gespräch mit Gott
gelingen, im Festhalten an Gott, trotz allem. Man kann den Ball auch Gott zuwerfen. Es ist einer meiner Lieblingsverse aus der Bibel: Alle eure Sorge werft auf ihn.
Gott selbst hat ein Beispiel für ein solches Verändern der Richtung gegeben. Die Menschen haben seinen Sohn ermordet. Diese Katastrophe nimmt er auf und ändert die Richtung. Er sagt, was ihr als
grausamen Mord erdacht habt, das wird in meinen Händen zum Zeichen der Liebe und des Sieges über den Tod.
Es gibt also mehr als das irdische Leben. Nur wenn wir das berücksichtigen, können wir Gottes Verhältnis zum Leid verstehen.
Und schließlich: Gott wird abwischen alle Tränen. Erinnern Sie sich noch, wie gut es Ihnen tat, wenn einer der Eltern ihnen die Tränen abgewischt hat? Wer die Tränen abwischt, konnte das Leid nicht
verhindern, aber schimpft und fragt nicht. Tränen abwischen geschieht ganz sanft, nicht gewaltsam. In der Bibel wird keine Träne beschönigt, Gott kennt sie alle. Er kann mit dem Zauberstab nicht alles
Leiden wegpusten. Aber wir dürfen uns vor ihm ausweinen, ihm alles sagen, so sein, wie wir sind, mit unseren Gedanken und Empfindungen. Und dann wird es auch jetzt schon geschehen, dass er unsere
Tränen trocknet.
Dass er uns nicht vor dem Leid bewahrt, aber im Leid bewahrt und tröstet.
Amen
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