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Predigt zu "Auge um Auge, Zahn um Zahn"

Inhalte dieser Seite: Predigt zu Auge um Auge, Zahn um Zahn

Im “Anders Werden Gottesdienst” der Evangelischen Kirche Essen Werden zum Thema “Auge um Auge, Zahn um Zahn” hielt Pfarrer Martin Schmerkotte am 23.1.2005 die folgende Predigt, für deren Abdruckmöglichkeit ich mich herzlich bedanke, weil es dieses so oft missverstandene Thema erhellt.

(Pfarrer Schmerkotte, fotografiert von B. Gisewski)

1.: Die Bibel- Grund der Eskalation von Gewalt?

- Auge um Auge - Zahn um Zahn
- Wie du mir, so ich dir!
- Das zahl ich dir heim!
(und ich lege noch etwas drauf!)
(- wie Stan und Olli es auf humorvolle Weise durchspielen im Vorfilm)

Die Spirale der Gewalt dreht sich
- wenn sich der Streit zwischen Nachbarn oder Partnern immer weiter aufschaukelt
- wenn ein Konflikt zwischen Völkern immer größere Opfer fordert
- wenn Menschen aus einer alltäglichen Stress-Situation heraus plötzlich zuschlagen
- wenn der Neid zu verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen führt

Auge um Auge - Zahn um Zahn!
Fordert die Bibel uns damit nicht direkt auf, dass wir vergelten sollen, wenn uns jemand vermeintliches Unrecht tut?
Ist sie sogar eine Quelle solcher Gewalt?
Ist der Gott der Bibel am Ende nicht ein Gott der Rache und der Vergeltung, der solches auch von uns Menschen fordert?

2.: Das Gebot begrenzt die Vergeltung

Lassen Sie uns noch einmal gemeinsam lesen, in welchem Zusammenhang wir dieses Wort finden: Auge um Auge - Zahn um Zahn

2. Mose 22, 22-25
„Wenn zwei Männer miteinander streiten und stoßen dabei eine schwangere Frau, so dass diese eine Frühgeburt erleidet (wenn sie und das Kind dabei aber ohne dauerhaften Schaden bleiben), so soll man dem Verursacher eine Geldzahlung als Strafe auferlegen, die vom Ehemann der Frau festgesetzt wird - gegeben werden soll das Geld aber durch die Hand eines Schiedsrichters.
Entsteht aber ein bleibender Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge und Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.“

Zuerst geht es nicht um eine allgemeine Regel, sondern um einen ganz konkreten Fall:
Zwei Männer haben im Streit eine schwangere Frau so in Mitleidenschaft gezogen, dass diese eine Frühgeburt erleidet.
Aber: Mutter und Kind erleiden keinen dauerhaften Schaden.

Was soll nun geschehen?
Der Verursacher soll der geschädigten Familie eine Geldentschädigung zahlen -
Die Höhe derselben soll vom betroffenen Familienvater festgelegt werden -
ein Schiedsgericht soll feststellen, ob es sich dabei um einen fairen Betrag handelt.

Eine humane Regelung, bei der alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können.
Selbstjustiz und Gewalteskalation werden ausgeschlossen

Was soll aber geschehen, wenn dauerhafte Schäden entstehen, bei denen man nicht so leicht wieder zur Tagesordnung übergehen kann?
Das Alte Testament spricht an der zitierten Stelle eine deutliche Sprache:
Das Maß der Vergeltung darf das Maß des verursachten Schadens nicht übersteigen.
Der Vergeltung wird eine Grenze gesetzt.
Ein Zahn (nicht drei Zähne!) für einen Zahn!
Eine Reaktion auf geschehenes Unrecht muss erfolgen - aber nicht ohne Maß und Grenze.

3.: Ein Wort für Täter, nicht für Opfer

Das Alte Testament ruft nicht die geschädigte Person auf: „Du sollst vom Täter nehmen ...“
Sondern: der Schuldige soll für die Vergeltung seines Tuns selbst sorgen - Du sollst geben!

Sorgt das Opfer selbst für Vergeltung, ist die Gefahr groß, dass es den Blick für das Maß verliert.
Stattdessen: der Täter selbst soll sich als Schadensverursacher erkennen und nach dem Maß des Schadens (aber auch nicht darüber hinaus) Genugtuung leisten.

4.: Vergeltung - aber nicht körperlich

In diesem Zusammenhang wäre es nun Unsinn, vom Schadensverursacher zu fordern, er solle sich für den ausgeschlagenen Zahn nun selbst einen Zahn ausschlagen.
Sondern: Die Aufforderung zielt auf eine Entschädigungszahlung, die der Täter der geschädigten Person zahlen soll.
Und zwar in jeweils angemessenen Rahmen,
- nicht als Alibi-Leistung, die das Opfer kränkt
- nicht als überzogene Forderung, die dann den Täter wieder zum Opfer macht, sondern:
Auge um Auge, Zahn um Zahn!

So bleibt das Unrecht, das das Opfer erleiden musste, nicht ungesühnt.

Und dem Täter wird ein Weg vorgezeichnet, wie er sich trotz seiner Tat wieder in das soziale Miteinander einfügen kann.

5.: Und wenn der Täter nicht hören will?

Wenn der Täter sich auf diesen Weg des Ausgleichs im Guten nicht einlassen will, wenn er das Opfer links liegen lässt?
Dann sind andere Stellen, staatlich oder religiös legitimierte Personen gerufen, Gerechtigkeit herzustellen.
Auch unter Ausübung von Zwang.
Doch das Wort „Auge um Auge - Zahn um Zahn“ gehört nicht in diesen Zusammenhang.
Die Praxis, Schuldigen im Rahmen des Strafvollzugs Körperteile abzuschlagen, hat es in Israel nie gegeben.

6.: Jesu Wort für beherzte Opfer

Matthäus 5, 38-41: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Ich aber sage euch, dass ihr dem Übel nicht widerstehen sollt.
Sondern: wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dem biete die linke auch dar.
Und wenn dir jemand deinen Rock nehmen will, dann lass ihm auch den Mantel.
Und wenn dich jemand zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, so gehe mit ihm zwei.“

Jesus schafft hier nicht - wie manchmal behauptet - das alttestamentliche Gebot ab.
Sondern: er zitiert aus dem Alten Testament, um dann seine persönliche Deutung zu geben
Jesus spricht nun zum Opfer, nicht zum Täter.
Doch er empfiehlt nun aber nicht (wie er oft verstanden wurde), Unrecht passiv und wehrlos zu erdulden.

Es ist kein Weg der Schwäche und der Schwächlinge, von dem er redet
- es ist der Weg für starke Opfer.

Überwinde Unrecht nicht durch Gewalt.
Sondern überwinde Unrecht, indem du es durch Provokation und Übertreibung als Unrecht öffentlich machst!“

Der Schlag auf die rechte Wange (ein Rechtshänder kann auf die rechte Wange nicht schlagen!) ist vor allem ein Zeichen der Beleidigung - keine Körperverletzung.
Biete die andere Wange auch dar!

Zwinge dein Gegenüber, in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass schon der erste Schlag, die Beleidigung, ein Gewaltakt war.
Wenn er ein Mensch ist, wird er beschämt weggehen.

Jemand will dir einen Teil deiner Kleidung nehmen, die du zum Leben brauchst?
Gib ihm alles und steh nackt vor ihm.
Er wird sein Vorhaben nicht ausführen.

Ein Römer zwingt dich, ihm eine Meile weit seine Ausrüstung zu tragen?
Trage sie zwei Meilen - und er wird ins Grübeln kommen.

Aber: das sind keine allgemeinen Verhaltensregeln.

Es sind Worte für geistlich-mutige Menschen, die die innere Stärke besitzen, Unrecht zu überwinden, indem sie es öffentlich machen.
- nicht jeder kann diesen Weg gehen
- nicht jede Situation ist für diesen Weg geeignet

Und: diese Worte können nur da zur Wirkung kommen, wo im Täter ein menschlicher Kern erhalten geblieben ist, der durch solche Provokation angesprochen und angerührt werden kann.

Es bedarf der Klugheit und der Menschenkenntnis, um einschätzen zu können, ob eine solche Provokation Früchte tragen kann oder nicht.

7.: Der Gott des Lebens

„Auge um Auge - Zahn um Zahn!“ oder:
„Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dem biete die linke auch dar!“
Es ist der Gott, der unser Leben bewahren und beschützen will, der so spricht.
Sind wir mutig und kreativ genug, um auf seinen Wegen zu gehen?
- Vielleicht laden wir die staubsaugende Nachbarin auf eine Mitternachtssuppe ein?
- Vielleicht legen wir zusammen mit dem Nachbarn, den wir um seinen Vorgarten beneiden, auf der Grundstücksgrenze einen Goldfischteig an?

Was es auch sei - Gott traut es uns zu:
- Ihr müsst Gewalt nicht eskalieren lassen
- Vielleicht überwindet ihr sie sogar mit Witz und Humor
- Ihr könnt in meinem Geist die Wege des Friedens gehen. Amen.