4. Erfahrungen aus meiner therapeutischen Arbeit

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Inhalte dieser Seite: Erfahrungen aus meiner therapeutischen Arbeit:   Eine chronisch trauernde Frau;  Helgas Todesängste;  Wann ist «Schattenarbeit» angezeigt?  Ausblick

Erfahrungen aus meiner therapeutischen Arbeit

(= ehemaliges Kapitel 12 aus dem Buch: Canacakis, Jorgos / Haehnel, Gerd / Söll, Florian: Wir spielen mit unseren Schatten. Vorschläge für Familie, Freizeit, Schule und Therapie. Reinbek bei Hamburg 1986, Rowohlt TB 7960; alle Rechte bei Jorgos Canacakis)

 

Die Möglichkeiten, mit dem Medium Schatten in Therapie, Rehabilitation, «Wachstumsgruppen», aber auch in der Prävention zu arbeiten, sind beinahe unbegrenzt. Sein besonderer Charakter macht ihn in Fällen wie Sterben, Tod, Trauer, bei unheilbaren Krankheiten sowie auch bei negativer Projektion geradezu unersetzlich.

In dem Wissen, daß therapeutische Prozesse schwer zu beschreiben sind, da wichtige Dinge nonverbal verlaufen, möchte ich ein paar kurze Arbeitserfahrungen anführen.

Eine chronisch trauernde Frau

Gisela * ist Witwe und 63 Jahre alt. Ihr Mann ist im Krieg gefallen. Seine Leiche hat man nicht gefunden. Sicher ist, daß seine Einheit damals aufgerieben wurde. Es war in Stalingrad. Der Brief, den Gisela von der Armee erhalten hatte, hatte ihr keine Klarheit über diesen Verlust gebracht. Sie hoffte immer. «Verschollen», so meinte sie, bedeutete, er könne noch zurückkommen. Jetzt wartet sie schon über 40 Jahre.

Und diese 40 Jahre sind eine Zeit voller Verzweiflung, Resignation, Verlassenheitsgefühlen, Ungeduld, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit gewesen. Das Schlimmste ist die innere und äußere Einsamkeit und die Isolation. Während des Wartens hat sie auch das Trauern verpaßt.

Was sie stört, ist, daß sie keine Nacht durchschlafen kann. Sie hat Ängste, ist sehr nervös, hat Körperschmerzen und schluckt tagtäglich viele Tabletten, erzählt sie der Gruppe.

Sie ist zum Trauerseminar gekommen, weil ihre Nachbarin, mit der sie oft im Flur geredet und gelegentlich in die Kirche gegangen war, plötzlich, ohne vorher krank gewesen zu sein, verstorben war. Und dadurch war Gisela ganz durcheinander gekommen.

Das ist inzwischen sechs Monate her, in denen sie dachte, alles werde sich wieder zum Besseren entwickeln. Aber es geht ihr heute körperlich und seelisch schlechter als je. Sie ist verwundert und kann es nicht verstehen, daß sie plötzlich in Tränen ausbricht, in der Straßenbahn, bei Freunden, auf der Straße, im Kaufhaus, obwohl sie keine besondere Bindung zu dieser Nachbarin hatte. Gisela wirkt unsicher und kann die Welt nicht mehr verstehen. Ihre Erwartung an das Trauerseminar ist, «dieses verdammte Weinen endlich mal abzudrehen».

Auf meine Frage hin, ob sie dieses Weinen von Fritz - so hieß ihr verschollener Mann - her kennt, schaut sie mich verwundert an und antwortet: «Der kann nicht tot sein und mich alleine lassen.»

Aus ihrer Erzählung erfahren wir in der Trauergruppe, daß sie in ihrer Wohnung seit 40 Jahren nichts geändert hat, weder im Schrank noch im Ehebett. Nachts, wenn sie sich schlafen legt, legt sie ihre Hand auf das Kissen neben ihrem Betteil und sagt zum Fritz: «Gute Nacht, schlaf gut.» Ähnliche Gespräche führt sie mit ihm ab und zu auch beim Abendessen, wenn sie noch einen zweiten Teller auf den Tisch stellt. «Laß es dir gut schmecken. Guten Appetit.»

Zum Friedhof ist sie nie gegangen, auch nicht, wenn im November die Trauertage sind. «Was soll ich da, er ist ja nicht begraben. Er lebt vielleicht noch, und er wird irgendwann kommen.»

Nachdem andere ihre Trauergeschichte erzählt haben, erwähnt sie den Verlust ihrer Nachbarin, betont aber, daß dieser Verlust ihr nicht viel ausmache. Den Verlust ihres Mannes vor 40 Jahren überspringt sie mit dem Satz: «Mein Mann ist vom Krieg nicht zurückgekommen.» Als ihr Ziel sieht sie, zu entdecken und zu begreifen, «warum ich weine, obwohl ich für den Tod meiner Nachbarin nichts empfinden kann.»

Das erste Wochenende des Seminars bleibt sie «Zuschauerin» beim Trauergeschehen der anderen. Einerseits kann sie verstehen und ohne Tränen für die anderen Witwen mitempfinden, andererseits meldet sie Zweifel an, ob ihre sonderbare Trauer hier angegangen werden kann.

Die Geschichte nimmt einen neuen Verlauf, als am nachfolgenden Wochenende die Gruppe sich entschließt, Spiele mit dem menschlichen Schatten zu versuchen. Gisela will zunächst selber nicht am Spiel teilnehmen, sondern Zuschauerin bleiben. Dann kommt die Übung «Schattenassoziationen», bei der jeder versucht, Gedanken, Gefühle und Phantasien durch Bewegung auszudrücken, welche auf eine Leinwand in der Mitte des Raumes projiziert wird.

Als eine Teilnehmerin mit Körper und Stimme den Schatten eines Soldaten im Marschschritt auf die Leinwand bringt und dieser den Raum einige Male durchmißt, wird Gisela unruhig und schaut mit ängstlichen Gefühlen zur Leinwand. Der Schatten wechselt seine Form und seine Konturen, sobald die Teilnehmerin, die den Soldaten spielt, sich der Lichtquelle nähert oder von ihr entfernt. Einmal wird er mächtig und riesengroß, um wenig später gekrümmt und zusammengebrochen auszusehen. Für Gisela wird es unerträglich, als ein Teilnehmer das Knattern eines Maschinengewehrs imitiert und der marschierende Soldat auf einmal wie vom Blitz getroffen auf den Boden fällt. Gisela schreit laut auf: «Nein, nein, das kann nicht sein. Es ist nicht wahr.» Und sie hält ihre Hände vor Augen und Mund, um das Sehen und Schreien zu unterbinden.

An dieser Stelle kommt Gisela an ihre Trauer heran und realisiert den 40 Jahre zurückliegenden Tod ihres Mannes. Sie erklärt sich bereit, sich durch «Schattenarbeit» an die unerledigte Trauer heranzuwagen. Ich versuche, sie durch einige der vorgestellten «Schattentechniken» an ihren Trauerschmerz heranzuführen.

Durch diese und andere Trauerinterventionen [...] wird es Gisela möglich, sich mit der langverschleppten Trauer auseinanderzusetzen. Sie kann dann ihrem toten Mann von ihrer Enttäuschung erzählen, daß er sie so unendlich viele Jahre hat warten lassen, auch von ihrer Wut und ihren Schuldgefühlen. Damit realisiert sie, daß er tot ist und nie mehr zurückkommen kann. Diese Erfahrung ermöglicht ihr, einen Zugang zum Trauerschmerz zu finden, und dieses bedeutet, daß ihre versteinerte Trauer, die sie krank macht, endlich zum Fließen kommt. Dieses Fließen bedeutet aber auch Lebensenergie, um Entscheidungen für eine Neuorientierung zu treffen. Sie kann dann vor den anderen von ihrem Mann Abschied nehmen.

Helgas Todesängste

Die Projektionsleinwand aus weißem Stoff ist in der Mitte des Raumes aufgespannt. Der Raum ist durch das weiße Tuch in zwei Hälften geteilt: Diesseits und Jenseits. Helga, 41, Bankangestellte, ist Teilnehmerin einer Gruppentherapie, die einmal wöchentlich über zwei Monate laufen wird. Seitdem einer ihrer älteren Kollegen, der ihr im Büro gegenübersaß, durch einen Herzinfarkt vor ihren Augen tot umgefallen ist, lebt sie in dauernder Todesangst. Nachts erwacht sie schweißgebadet und hat Angst, sterben zu müssen. Es entwickelt sich ein Dialog zwischen Helga und einem «Hilfsschatten», der als der Tod auftritt.

Anfangs ist das Gesicht des Todes «hinter Nebelschwaden», doch allmählich erkennt sie ein hämisches Lächeln. Im Rollentausch und in der Identifikation mit dem Tod sagt sie: «Ich bin da, um dir Angst zu machen. Ich werde dich mitnehmen.» Als Helga wieder sich selbst spielt und angstvoll, aber auch fordernd den Tod fragt, was er von ihr möchte, erhält sie ein hämisches Lachen als Antwort. Ich frage sie, ob die erkennbaren Züge im Gesicht des Todes sie an jemanden erinnern. Langes Schweigen. Dann macht sie plötzlich ein erstauntes Gesicht und sagt leise: «Ja, das ist Großvaters Gesicht.»

«Damals», so erzählt sie weiter, «als der Opa starb, war ich sehr jung, so vier bis fünf Jahre. Alle waren traurig, und meiner Mutter ging es sehr schlecht. Sie mußte für ein paar Tage in der Klinik bleiben, war danach immer traurig und weinte viel, aber versteckt. Sie hatte plötzlich wenig Zeit für mich, und ich konnte sehr wenig mit ihr spielen. Als sie mir dann Monate später drohte: <Wenn du nicht brav bist, dann wird dich der Opa holen>, war ich sehr lange sehr geängstigt.»

Wir beendeten diese Arbeit mit einer Ubung, die «das Schatteninferno» heißt: Die ganze Gruppe durfte dann unter den Klängen einer ekstasischen Musik «tanzen», diesseits und jenseits der Leinwand. Wenn man sich bereit wähnte, ging man über einen mit Kissen vorbereiteten Übergang zur anderen Seite und setzte die Schattenspiele «drüben» fort. Dabei erklangen Töne und Schreie, die an ein Inferno erinnerten.

Während einiger Sitzungen in den folgenden Monaten lernte Helga in spielerischem Verhalten, mit der Angst vor Tod und Sterben weniger angespannt umzugehen.

Wann ist «Schattenarbeit» angezeigt?

Die therapeutische Schattenarbeit läßt eine Vielfalt von Indikationen zu: in Einzel- und Gruppentherapie bei Menschen mit konflikthaftem und neurotischem Verhalten, mit psychosomatischen Erkrankungen, narzißtischen Persönlichkeitsstörungen und bei Personen mit «Borderline »-Strukturen.

Bei psychotischen Erkrankungen rate ich ab, jedenfalls wenn eine aktuelle Problematik vorliegt. Ist dies nicht der Fall, kann man auch psychotischen Patienten die Schattenarbeit zugute kommen lassen, wenn der Therapeut für einen strukturierten Prozeßablauf sorgt, Stütze und Vertrauen bereitstellt und in jedem Moment der eigenen Wahrnehmung und der eigenen Kreativität vertraut, um bei undurchsichtigem Verlauf den Prozeß umwandeln zu können.

Bei Suizidgefährdeten ist Vorsicht angebracht.

In der Bearbeitung von Todesängsten und von Trauerproblemen wie übrigens auch für therapeutische Interventionen bei der Krebsarbeit erscheint mir diese Methode unentbehrlich. In der Familientherapie und der Kindertherapie eröffnet die Arbeit am Schatten neue Möglichkeiten und bereichert und erweitert die jeweiligen Ansätze.

Ohne weiteres einsichtig dürfte auch sein, daß die Einbeziehung der Schattenarbeit für alle nichtklinischen Bereiche von großem Vorteil ist, z. B. bei Drogenabhängigen, im Strafvollzug, in Selbsterfahrungsgruppen und ganz besonders effektiv in Verbindung mit spielerischen Elementen im ganzen Bereich der Erziehung und Pädagogik.

Ausblick

Mit diesem Aufsatz habe ich den Versuch unternommen, auf die Bedeutung des Mediums «Schatten» im therapeutischen Bereich aufmerksam zu machen und ihm zur Popularität zu verhelfen, und zwar aus der Uberzeugung, daß die Möglichkeiten, die im «Schatten» stecken, entdeckt werden müssen. Ich habe mich da auf ein faszinierendes Terrain gewagt, was mir oft auch Angst bereitet hat. Dennoch war es für mich bisher eine schöne kreative Erfahrung, die mich voll befriedigte. Da es ein erster Anfang war, habe ich, um den Fluß der spontanen Gedanken nicht zu blockieren, auf Perfektion verzichtet.

Die ersten Schritte sind gemacht. Was als nächstes notwendig ist, sind viele Erfahrungen mit dem Medium, die dann in methodisch ausgereifte Studien münden könnten.