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Inhalte dieser Seite: Ziele und Inhalte der therapeutischen «Schattenarbeit»: Aneignung als spezifisches Ziel der «Schattenarbeit»; Ansätze zur Strukturierung der Schattenarbeit; Methoden, Techniken und zusätzliche Medien; Der vierstufige Ablauf der Schattenarbeit
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Ziele und Inhalte der therapeutischen «Schattenarbeit»
von Jorgos Canacakis
(= ehemaliges Kapitel 11 aus dem Buch: Canacakis, Jorgos / Haehnel, Gerd / Söll, Florian: Wir spielen mit unseren Schatten. Vorschläge für Familie, Freizeit, Schule und Therapie. Reinbek bei Hamburg 1986,
Rowohlt TB 7960; alle Rechte bei Jorgos Canacakis)
Wir sehen den Menschen als Ganzheit, dessen Basis sein Leib ist, als Ort sinnenhafter Wahrnehmung und als Ausgangspunkt, aber auch als Ende der jeweiligen Existenz. Existenz ist immer im
Lebenszusammenhang gesehen als «Mit-Sein» in der Welt. Sinn ist dann möglich, wenn er mit den anderen gesucht wird. Der Mensch besteht aus gesunden wie auch aus kranken Anteilen. Also: Gesundheit und
Krankheit sind zwei wichtige Dimensionen eines Ganzen, des ganzen Menschen. Erkrankung wird als Prozeß, als etwas, was sich in Wandlung befindet, und nicht als etwas Statisches gesehen, bei dem Körper,
Geist und Seele nicht im Einklang sind.
Ziel unserer Bemühungen ist die Wiederherstellung der Selbstregulationstätigkeit des Organismus durch Mobilisierung aller Potentiale im Klienten, die ihm ermöglichen herauszufinden, wie er diese
Schwierigkeiten selbst erzeugt.
Wahrnehmungsaufgaben während der Schattenarbeit sollen die gesunden Anteile und Potentiale, die er nicht kennt, oder solche, die blockiert brachliegen, mobilisieren.
In der Vorbereitungsphase sollen aus der Betrachtung der Lebenszusammenhänge folgende Fragen beantwortet werden:
- Was ist im Lebenszusammenhang verloren und wird nicht zurückkehren? Was legt eine Trauerarbeit nahe?
- Welches Defizit steht im Vordergrund und drängt nach Auffüllung oder ist gestört und drängt nach Wiederherstellung?
- Was gibt es für ein Potential, das noch nicht mobilisiert wurde?
- Welche gesunden Anteile sind noch da, die bewußt gemacht werden sollen und erhalten werden müssen?
- Wie stark ist die Entfremdung zu sich selber und zu den anderen, und welche Störung gibt es in der Beziehung der Person zur Welt?
Dabei geht es im einzelnen um Aufgaben und Probleme wie die folgenden:
- Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten, wo Persönlichkeitsanteile sind, die bis jetzt vermieden und nicht akzeptiert wurden.
- Konfrontation mit Anteilen im eigenen Schatten, die in Form von Regeln, Normen, Verboten als verinnerlichte Seiten unserer Eltern und Lehrer uns am Leben hindern, da sie viel Energie binden, die wir
zum Leben brauchen.
- Die positiven Seiten der Schatten in uns entdecken, die zum Gleichgewicht beitragen können.
- In tiefergehenden Arbeiten den Vorteil des Schattens in Anspruch nehmen und das existentielle Todesthema ansprechen.
- Unklare Persönlichkeitsanteile transparent machen und neu zu strukturieren versuchen.
- Den eigenen Schatten als Partner für einen inneren Dialog gewinnen und als Zufluchtsort benützen, wenn es anders nicht mehr auszuhalten ist.
- Im Schatten das Spielerische entdecken und damit zum eigenen Ausdruck gelangen.
- Durch die Arbeit mit dem Schatten Kompetenz im Umgang mit sich selber und den anderen erwerben und diese Kompetenz in der Welt draußen verwenden.
- Durch die Schattenarbeit frühere Erlebnisse und damit den eigenen biographischen Kontext begreifen, um dabei die eigenen Möglichkeiten für eine lebenswerte Lebensgestaltung zu entdecken.
- Durch die erlebnisaktivierenden Möglichkeiten methodisch aufgebauter Schattenarbeit verdrängte, abgespaltene und entfremdete Anteile aus Szenen und Ereignissen des Lebens im Nacherleben und
Neuerleben integrieren.
Aneignung als spezifisches Ziel der «Schattenarbeit»
Aneignung, «reowning», ist eine der wichtigsten Grundlagen der Gestalttherapie [...]. Die Phänomene und die Verläufe der Schattenarbeit sind Wandlungsprozesse, die zum Wachstum der Persönlichkeit führen
und dann assimiliert und integriert werden.
Bei diesen Prozessen geht es um Aneignung oder, besser gesagt, um Wiederaneignung von abgespaltenen Anteilen, die unerledigt geblieben waren, vermieden und verdrängt wurden: Lebensanteile, die dem
Lebensganzen wieder zugeführt werden.
Entfremdung vom Leib, von anderen, von der Welt, von der Zeit, von der eigenen Geschichte wird bei der Schattenarbeit bewußt gemacht durch die Wahrnehmung der besonderen Distanz zum eigenen Schatten. Das
projizierte «Böse» und alle unangenehmen Eigenschaften der eigenen Persönlichkeit werden auf der Leinwand gut «sichtbar», von «Angesicht» zu Angesicht. Die Schattenarbeit ermöglicht diese
Auseinandersetzung und führt zum Akzeptieren der projizierten Anteile, die wieder zu eigenen gemacht werden, so daß man wieder «ganz» werden kann.
Solche Aneignungsprozesse finden statt, wenn man Lebensbilanzen macht und durch Lebensrückschau und Lebensvorschau die ganze Lebensspanne ordnet und «wieder ganz macht». Angeeignet wird auch noch
Leibliches, was zu einer Versöhnung mit dem Leib führt, aber auch zu besseren zwischenmenschlichen Kontakten.
Ansätze zur Strukturierung der Schattenarbeit
Die Arbeit mit dem Schatten bedarf einer Struktur, die eine Orientierung ermöglicht und so den therapeutischen Umgang mit dem Schatten erleichtert. Dazu sollen die folgenden schematischen Darstellungen
beitragen.
Jedes der folgenden 6 Schemata zeigt einen idealtypischen «Schattenzustand». Die Kreise stellen die Person, das Selbst, die Persönlichkeit dar, die Halbkreise in Schema 5 und 6 zeigen die Möglichkeiten
des therapeutischen Spiels mit dem Schatten.
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Schema 1: Undurchlässige Schattengrenzen
Die Person grenzt sich vom eigenen inneren Schatten total ab, ein Kontakt wird vermieden. Der Schatten gewinnt in Krisensituationen an Bedrohung, und man muß den Abgrenzungsbalken durch zusätzliche
Versteinerung und damit durch Isolation von der anderen Hälfte immer stärker sichern. Entfremdung und Schuldgefühle herrschen vor.
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Schema 2: Grenzlosigkeit und Schattenüberflutung
Die Grenzen zur inneren Schattenseite sind durchbrochen. Der Schatten überflutet die ganze Persönlichkeit. Die Person wirkt «konfluent». Der Kontakt zu sich selber existiert nur als diffuse Empfindung,
und für einen Dialog gibt es kein «Gegenüber» mehr.
Die Schattenseite übernimmt auch bei der «Sonnenseite» der Persönlichkeit die Oberhand. Permanente Angst und Orientierungslosigkeit sind die Folgen.
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Schema 3: Schattenabwesenheit
Es gibt weder Licht noch Schatten. Dies erinnert eher an einen Dämmerzustand. Die Person läßt keinen Schatten in sich entstehen. Die ganze Energie wird dazu verwendet, die Schattenseiten permanent nach
außen zu projizieren (= negative Projektion). Die Person weiß nichts von der Existenz eines eigenen Schattens und scheint auch nichts davon wissen zu wollen. Bei diesem Defizit an Lebensenergie, bei
dieser Willenlosigkeit und Bedürfnishemmung verliert man sich in gedanklichen Schweifexkursionen.
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Schema 4: Klare transparente Schattenabgrenzung
Wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten. Der innere Schatten folgt dem Licht, und es entsteht ein Prozeß, der für Gleichgewicht sorgt. Die zwei Seiten der Persönlichkeit sind im Dialog. Es herrscht klare
Abgrenzung, guter Kontakt und Verständnis füreinander. Die Transparenz der Grenze vermindert die Angst der einen vor der anderen Seite.
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Schema 5: Bewußt projizierte Eigenschatten
Das Ansehen des eigenen, auf eine Projektionsfläche geworfenen Schattens erlaubt die direkte, offene Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen, die auf der Leinwand sichtbar werden. Die inneren Zustände
in Schema 1,2 und 3 können damit einer Verarbeitung unterzogen werden. Der Abschluß dieses Prozesses ermöglicht die Bewußtmachung des eigenen Schattens und erleichtert die Integration in die eigene
Persönlichkeit (= positive Projektion).
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Schema 6: Die Schatten der anderen
Bei dem Spielen mit dem menschlichen Schatten, dem eigenen, aber auch dem der anderen, entsteht die Möglichkeit, die anderen Schatten als Fläche für die eigene Projektion in Anspruch zu nehmen oder die
anderen Schatten der Gruppenteilnehmer, einzeln oder in Gruppen als «Schattengegenüber», auch als Modelle und als Dialogpartner in den Prozeß einzubeziehen.
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Methoden, Techniken und zusätzliche Medien
Das Schattenspiel wird als Methode erst effektiv, wenn es in einen offenen, therapeutischen Ansatz integriert wird. Es würde hier zu weit führen, wollte ich den gestalttherapeutisch orientierten Rahmen
meines Ansatzes und die Integration der Schattenarbeit im einzelnen darstellen. Ich will aber dennoch einige Hinweise darauf geben, wie durch die Schattenarbeit Wahrnehmung, Assimilation und Integration
von abgespaltenen Anteilen und dadurch Wachstum der Persönlichkeit gefördert werden können.
- Übungszentrierte Schattenarbeit
Ziel ist dabei, die Aufmerksamkeit zu wecken und die Wahrnehmung auf den Schatten zu konzentrieren sowie zu einer differenzierten Wahrnehmung des eigenen und der fremden Schatten zu kommen. Durch die
«Einübung» soll der Akteur mit dem Medium vertraut, der Weg für kreative Phantasieanregung durch den Schatten geöffnet werden.
Phasen bei diesem Vorgehen sind: Schattendifferenzierungstraining, Kontextbildung von Schatten, Bewegung und Leibempfindungen, Improvisationsübungen mit dem Schatten, Imaginations- und
Bildererlebensübungen. In Verbindung mit dem Schatten werden auch Stimm- und Atemübungen sowie gruppengerichtete Ubungen initiiert.
- Erlebnis- und spielzentrierte Schattenarbeit
Der Schatten kann das ganze Erlebnisspektrum in Bewegung versetzen und somit eine ganze Reihe von Stimmungsqualitäten lebendig werden lassen wie Faszination, Angst, konzentratives Verharren, lustvolles
und genießerisches Tun, Trance, Höhepunkterlebnisse, emotionale Ausbrüche, die als Katharsis erlebt werden können. Darüber hinaus wird spielerisches Tun angeregt, das zudem die Erlebnis-und
Ausdrucksfähigkeit erweitert und bereichert.
Dies wird durch geeignete Vorschläge für Einzel- und Gruppenimprovisationen mit dem Schatten ermöglicht.
- Konfliktzentrierte und aufdeckende Schattenarbeit
Die Auseinandersetzung mit dem Schatten führt nicht nur zur Bearbeitung der aktuellen Problematik, sondern läßt auch viele Erinnerungen und Unerledigtes aus der Vergangenheit auftauchen.
Der Prozeßverlauf wird begleitet von Improvisationsvorschlägen, die es ermöglichen, die in den Vordergrund gerückten unerledigten Anteile in der «positiven Projektion» zu verarbeiten.
Der vierstufige Ablauf der Schattenarbeit
(Dabei orientiere ich mich an dem sogenannten tetradischen Prozeß nach Petzold 1977.)
Der Ablauf - wie er im folgenden geschildert wird - ist Entwicklungs- und Verarbeitungsprozeß zugleich. Die Phasen bauen aufeinander auf: die nächste kann erst folgen, wenn die vorherige die
Voraussetzungen geschaffen hat.
1. Eingangsphase
Gemeinsames Vorbereiten der Schattenprojektion (Tuch, Licht), Kontakt anbahnen zwischen Darsteller und Therapeut oder Darsteller und den anderen. Übungen zum Gruppenzusammenhang. Erster Kontakt mit dem
projizierten Schatten. Aufnahme des Konflikts. Phase der Anamnese und erste Annahme über die Diagnoserichtung. In diese Phase gehören auch die meisten Übungsangebote, die das notwendige «Anwärmen» für
die nachfolgenden Phasen ermöglichen.
Das anfängliche Experimentieren mit dem Schatten und die Wirkungen der projizierten Schatten werden im Hier und Jetzt des Erlebnisses zur Prägnanz geführt. Aus der aktuellen Geschichte des Protagonisten
sollen jetzt auch die wechselseitigen Zusammenhänge seiner Lebenssituation einander angenähert werden, und dieses führt zur nächsten Stufe.
2. Aktionsphase
In der Aktionsphase wird durch spielerisches Tun, Körperbewegung - auch unter der Wirkung von Musik -, stimmlichen Ausdruck, z. B. bei Gedicht- und Prosatexten, die Schattenprojektion zur
Mehrdimensionalität erhoben. Folgende Techniken erhöhen dabei die Phantasietätigkeit, Ausdrucksfähigkeit und Kreativität:
- Hilfsschatten (analog dem «Hilfs-Ich» im Psychodrama)
- Schattenchor (analog dem Chor im antiken Drama)
- Schattenpanorama (analog dem Lebenspanorama nach Petzold)
- Schattendrama (dramatische Auseinandersetzung zwischen den Personen in Wort und Bewegung)
- Schattenmonolog
- orgiastischer Schattentanz
- Schattenekstase
- Schatteninferno (man spielt das Geschehen im Jenseits, in der Unterwelt, wie es in den antiken Mythen vorkommt, und dort versuchen die Schatten alles, was sie belastet und alle unerfüllten Wünsche
mit allen Möglichkeiten des Ausdrucks darzustellen, so daß sie symbolisch wieder lebendig werden können.)
- Schattenmeditation (länger andauernde konzentrative Betrachtung des eigenen Schattens in einer entspannten vorbereiteten Haltung)
Der dabei intensivierte Erlebensprozeß entwickelt sich zum reinigenden Ereignis und oft auch zum Evidenzerlebnis, da der Mensch sich in seiner Gesamtheit als leib-seelisches-geistiges Subjekt erfahren
kann. Durch bestimmte Techniken helfen wir, den Dialog mit dem eigenen Schatten aufzunehmen, und reduzieren die Entfremdung zwischen den gespaltenen Anteilen der Person.
3. Integrationsphase
In dieser Phase kann man durch Rückschau, Feed-back, Reflexion und Aufhellung des projektiven Prozesses Einsicht aus der erzielten Transparenz der Erlebnisse gewinnen.
4. Neuorientierung
Aufgrund dieser gewonnenen Einsicht und aufgrund des Verständnisses für die abgelaufenen Prozesse probieren wir einen neuen Umgang mit dem Schatten aus, um unsere Fähigkeiten
zu verändern bzw. zu erweitern.
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