Ansätze einer «Schattentheorie» für die Therapie
(= ehemaliges Kapitel 10 aus dem Buch: Canacakis, Jorgos / Haehnel, Gerd / Söll, Florian: Wir spielen mit unseren Schatten. Vorschläge für Familie, Freizeit, Schule und Therapie. Reinbek bei Hamburg 1986, Rowohlt TB
7960; alle Rechte bei Jorgos Canacakis)
Der Schatten als Medium
In den bisherigen Abschnitten dieses Beitrages ist vielleicht deutlich geworden: Aufgrund der Mythen und der verbreiteten Vorstellungen, die sich mit ihm verbinden, kommt dem Schatten eine besondere Bedeutung zu, die
ihn als Medium in der Therapie geeignet erscheinen läßt.
Selbstverständlich können das Menschenschattenspiel als Methode und der Schatten als Medium kein eigenständiges Therapieverfahren sein; ich integriere beide in meine therapeutische Arbeit, in der ich verschiedene
Elemente - u. a. psychoanalytisches Gedankengut, Erkenntnisse der Gestaltpsychologie, Grundannahmen des Existentialismus und östliche Meditationsformen - zu einem Ansatz dialogischer Behandlung verbinde. Durch das
Hinzuziehen von kreativen Methoden, Kunst- und Gestaltungsmedien sowie bewegungs- und körperzentrierter Verfahren wird integrative Gestalttherapie zu einem Therapiesystem, das die Komplexität und die vielen
Dimensionen menschlicher Existenz in ihren Zusammenhängen und Verwobenheiten zu berücksichtigen versucht. [...] Dabei geht es um die Entwicklung von Identität im Lebenszusammenhang, abgespaltene
Persönlichkeitsanteile auf die Bewußtseinsebene zu holen; zu lernen, damit umzugehen und die Kräfte dafür zu entwickeln und zu stärken, wozu die künstlerische Betätigung besonders beiträgt.
Der «Schatten» als künstlerisches und kratives Medium weckt durch seine natürliche «Ladung» mit Symbolik und Phantasie Gefühle und Ausdrucksmöglichkeiten außerordentlich. Dies wurde schon in den vorhergehenden
Ausführungen, wo es um die Wirkungen des Schattenspiels ging, deutlich. Wie nun kann man sich diese aus psychologischer Sicht erklären? Und wie kann man sich dies dann in der Therapie nutzbar machen?
Der Schatten als eine der ersten Erfahrungen nach der Geburt
Schon drei Monate vor der Geburt hat das Neugeborene Kontakt zu seiner Umwelt durch sein Hörorgan. Nach der Geburt kommt die Stunde der Augen: Das (immer noch meist) grelle Licht und die Unfähigkeit des optischen
Organs, in dieser Entwicklungsphase Strukturen wahrzunehmen, sind eine Quelle der Unsicherheit für das Neugeborene. Diese dauert solange, wie das Organ Zeit braucht, um sich an die neue ungewöhnliche Umgebung zu
adaptieren. Diese Zeit aber ist mit Streß verbunden.
Recht schnell entwickelt das Kind die Fähigkeit, den Kontrast hell / dunkel wahrzunehmen, und bald schon auch kann es den Haaransatz vom übrigen Gesicht der Mutter, wenn auch verschwommen, unterscheiden. Das Kommen
und Gehen, das Sich-Nähern oder Sich-Entfernen des Schattens der Mutter, der bald immer deutlicher wird, sind ebenfalls mit körperlichen und seelischen Reaktionen des Säuglings verbunden. Nahender Schatten bedeutet:
Nahrung erhalten, Körperkontakt, Wärme, Wohlgefühl, der sich entfernende Schatten meistens Angst und ungute Empfindungen.
Aussagen von Patienten und Klienten in Einzel- oder Gruppenarbeit, die in die Tiefe geht, oder bei Tiefeninterviews bestätigen diese leib-seelische «Atmosphäre» im Angesicht eines Schattens: der Schatten also als
eine «nachakustische» und «präverbale» Erfahrung, d. h. vor jeglicher Spracherfahrung und noch bevor das Neugeborene in der Lage ist, sich orientieren zu können. Diese Phase ist für die Arbeit mit dem Schatten von
besonderer Bedeutung, ich möchte sie als «präoptische Schattenphase» bezeichnen.
Der Lastesel
Phantasie-, Traum- und Tagtrauminhalte, die in unserem Schatten zu finden sind, können unsere Entfaltungsmöglichkeiten stark beeinflussen, indem sie uns z. B. dauernd stimulieren oder aber unsere Wahrnehmung
verzerren und unsere Handlungsmöglichkeiten hemmen. Unter «Schatten» versteht die Jungsche Psychologie (vgl. Jung, C.G.: Allgemeine Überlegungen zur Psychologie des Traumes. Ges. Werke, Bd. 8, Zürich 1967)
diejenigen Eigenschaften und Tendenzen der Persönlichkeit, die das Ich nicht zu akzeptieren bereit ist, nicht wahrhaben möchte und kann. Es ist eine Art «Negativ» des Bildes, das wir uns von uns selber machen, das
aber sehr von unserer eigenen Geschichte und unserer kulturellen Herkunft abhängt und weitgehend unsere persönliche Entwicklung bestimmen kann.
Was wir nicht sein wollen, findet sich meistens in unserem Schatten wieder. Häufig sind aber die abgewehrten Anteile Bestandteil unserer Persönlichkeit. Das Abgewehrte und Verleugnete verschwindet nicht ganz, sondern
verweilt im dunklen Hintergrund des Unbewußten und wartet auf Stimulation, um seine Spannung an den Organismus weiterzugeben. Wenn wir die Augen vor dem eigenen Schatten schließen, dann verschwindet nicht der
Schatten, sondern wir versinken in Dunkelheit, so daß der Schatten nicht mehr sichtbar sein kann. Da diese Dunkelheit nur durch das Schließen der Augen entsteht, müßten wir dauernd die Augen geschlossen halten, um
den Schatten in uns nicht zu «sehen». Ein solches Verhalten würde bedeuten, blind durch die Welt zu wandeln, was mit Angst, Unsicherheit, Bedrohung und Orientierungslosigkeit verbunden wäre.
Als Alternative bleibt, die Augen zu öffnen und hinzunehmen, daß unser Schatten immer da ist und ständig auf uns wirkt und daß er vorhanden bleiben wird, solange wir leben.
Er wird uns an unsere anderen Seiten erinnern, weil er auch alles enthält, was uns fehlt, und alles, was wir haben und sein wollen, aber uns nicht trauen.
Andererseits ermöglicht uns unser Schatten, ihm alle vermiedenen, verdrängten, verleugneten und abgespaltenen Anteile aufzuladen, die wir so nah in uns als bedrohlich erleben, und damit übermäßige und unerträgliche
Spannung für kurze Zeit ein wenig zu reduzieren. Indem wir es versuchen und es erreichen, die abgespaltenen und nicht akzeptierten Anteile nach draußen zu bringen, in Form von Projektionen als «Feindschema» und als
das «Böse», erhalten wir die Gelegenheit, den Gegenpol in uns sichtbar und erlebbar zu machen.
Das therapeutische Spiel mit dem menschlichen Schatten, wie ich es vorschlage, ermöglicht uns diese Gegenüberstellung und gibt uns die Chance, eine Auseinandersetzung zu wagen, dabei den Gegenpol in uns und draußen
wahrzunehmen, zu identifizieren, ihn näher anzuschauen und damit der Polarität in der eigenen Persönlichkeit zur Deutlichkeit zu verhelfen und so den Weg zur Integration zu eröffnen. Unseren Schatten in uns können
wir selber nicht sehen, d. h. wir haben und tragen in uns einen blinden Fleck. Solange der Schatten «in uns» ist, bleibt er unsichtbar. Erst durch die Projektion nach außen, so wie es uns das Menschenschattenspiel
ermöglicht, erhalten wir die Chance, die Schatten-Anteile in uns anzusehen und uns damit zu befassen.
Wenn Menschen sich einer therapeutischen Erfahrung mit dem eigenen Schatten auf der Leinwand ausgesetzt haben, sind sie oft entsetzt und empfinden Angst und Mißmut für dieses «Gegenüber», das ihnen anfangs gänzlich
unbekannt zu sein scheint. Der vorherrschende Umgang mit der Erfahrung ist dann, den Schatten einfach wieder verschwinden zu lassen - in der trügerischen Erwartung, davon nun befreit zu sein.
Dem therapeutisch interessierten Laien sei hier gesagt — und das muß an dieser Stelle genügen: Wenn wir den Schatten in uns spüren, uns aber wenig darum kümmern oder den Schatten nach außen projizieren, aber
gleichzeitig die Augen davor schließen, dann wird er zum Daueropponenten und versinkt gleichzeitig in gut ausgesuchten, dunklen Ecken unseres Körpers. Es dauert dann nicht sehr lange, bis sich dieser Schatten in ein
körperliches oder seelisches Symptom verwandelt. Und dieses versucht dann weiterhin, etwa durch einen körperlichen Schmerz, uns auf Unerledigtes, Unabgeschlossenes und Abgelehntes aufmerksam zu machen.
Und was tun die meisten von uns in solchen Fällen? Sie gehen auf das Symptom mit einer direkten Konfrontation zu, die nur auf Beseitigung hinzielt. Dafür gibt es genügend Mittel - von Tabletten bis zu operativen
Eingriffen, Bestrahlungen oder starken «chemischen Keulen», aber auch Alkohol und anderen leichten bis harten Drogen. Wir werden das Symptom los, das als Ausdruck des oppositionellen Schattens in uns mit Gewalt an
seiner sinnvollen Präsenz gehindert wird. Wir sind blinder als zuvor! Wenn wir uns aber mit unserem Schatten und seinem Symptomausdruck auseinandersetzen, kann ein Dialog entstehen, der zur «Zweiheit» und
Integration führt. Und dieses bedeutet, gesund zu werden.
Hieraus kann man die Bedeutung ersehen, die das therapeutische Menschenschattenspiel gewinnt, wenn daraus eine klare und faire Auseinandersetzung mit unserem Schattenanteil resultiert.
Schatten als «synrespondentes Phänomen»
Der menschliche Schatten ist ein Medium, dessen Inhalte, wie aus den vorherigen Kapiteln ersichtlich wird, sehr komplex und vielschichtig sind. Zudem enthält er ein starkes Stimulierungspotential. Die Bezeichnung
«synrespondentes Objekt», wenn es um Beziehung und Raum geht, und «Transrespondenz», wenn es um Prozesse mit dem Medium geht, ist notwendig, um Abgrenzung zu den anderen Medien zu erreichen und auf seine
Vieldimensionalität hinzuweisen.
Syn- und Transrespondenz bestehen aus: «respondere» = «gegenüberliegen, beantworten, sich verantworten», was aber auch «abwehren» und sogar «gemäß und ähnlich sein» bedeuten kann, und dem ebenfalls lateinischen Wort
«trans» = «über, hinaus, ein normales Maß überschreitend» und schließlich aus dem griechischen Verbindungswort «syn» = «zusammen, mit».
«Synrespondentes Objekt» bedeutet somit, daß der Schatten ein «Gegenüber» darstellt, mit dem man in Kontakt kommen kann. Der Schatten als körperliches Ich auf der Leinwand gegenüber, von Angesicht zu Angesicht, eine
Art Maske, eine dunkle Maske, die sich über den Schattenkörper zieht und sich zweidimensional bewegt, die einen Eindruck auf das Selbst macht und neue Reaktionen hervorruft: «Das Licht macht aus einem zwei. Die
Lichtwellen mit den Lichtpartikeln tragen einen Teil von mir hinüber. Wir kommen in Dialog. Ich habe Angst und Achtung vor dir, hoffentlich du auch vor mir. Das Licht verbindet uns und bringt auch Impressionen
herüber. Ist das Licht weg, dann bleibe nur ich hier und du nur in meiner Erinnerung.» Auf diese Weise könnte der «transrespondente Prozeß» sich noch lange hinziehen, bis es zu einem Konsens zwischen den beiden käme.
Der Raum zwischen Schatten und Darsteller sorgt für klare Abgrenzung. Beide werden durch das Licht verbunden. Der Schatten bleibt, solange der Darsteller bleibt. Der darstellende Mensch erhält durch den Schatten
ständig Informationen über sein Verhalten, was auch eine Beziehungsaufnahme zu sich selbst bedeutet. Seine Schattenerscheiung löst bei ihm Reaktionen aus, die zur Verstärkung oder Reduktion seines Ausdrucks
beitragen können. Durch sein Spiel mit dem eigenen Schatten auf der Leinwand wirkt er nicht nur bei den anderen Schattenspielern, sondern in starkem Maße auch auf sich selber. Dieses kann auch Wiederherstellung oder
Neuherstellung der Kommunikation zu der Welt und zu sich selbst bedeuten.
Der Dialog mit dem Schattenteil läßt Defizite und Wünsche deutlich werden, was zur Klarheit verhilft und einen Teil der Selbstentfremdung auffhebt.
Im transrespondenten Prozeß erlebt der Patient den Therapeuten oder die Gruppenteilnehmer in ihren Schattendarstellungen als Modelle. Er traut sich dann an Handlungen heran, die tabuisiert, verboten, blockiert oder
gar nicht in seinem Repertoire sind. Er wagt sich an sexuell anmutende Bewegungen, er läßt Angst kommen und erlebt sie bewußt im Spiel, er probiert symbolisch zu schlagen und Mordszenen darzustellen, er spielt
Sterben und traut sich, mit dem Tod oder mit Verstorbenen zu sprechen. Solche Szenen stimulieren die Kreativität, und es entstehen nicht nur aggressive Momente, sondern auch spielerische und künstlerisch anmutende
Darstellungen.
Der Menschenschatten als Medium in der Therapie hat folgende Vorteile:
- Er bietet ein erleichterndes und förderndes Vehikel, das die Dimensionen Raum, Objekt und Prozeß in sich trägt und in sich bindet.
- Da aus dem Schatten auf der Leinwand keine Informationen und Botschaften aus dem Gesichtsbereich für den Zuschauer ersichtlich sind, die auch einer Interpretation ausgesetzt wären, dient die Zweidimensionalität
als Schutz für den Darsteller. Er kann sich hinter dieser «fließenden, schwarzen Maske» auch verstecken, und bis er sich damit vertraut fühlt, braucht er sich nicht durch überflutende Informationen aus einem
realen Gesicht verunsichern zu lassen und bedroht zu fühlen.
- Die «fließende, schwarze Maske» bietet die Möglichkeit, aus der bestehenden Sicherheit in tiefere und unsichere Bereiche zu stoßen und durch kreative Imagination bestehende blockierte Grenzen zu überschreiten.
- Durch die Rückkoppelung, welche aus der Gleichzeitigkeit von drei Rollen - Autor/Regisseur, Darsteller, Zuschauer - entsteht, ist es möglich, Kontakt zu diesen Anteilen des Selbst herzustellen und durch
differenzierte Zuwendung zum authentischen Ausdruck und zum Verständnis für sich selber zu gelangen.
- Die Schatten der anderen in einem Schattenspiel mit einer Gruppe fungieren als Modell zur Nachahmung, reißen mit und machen auf Anteile aufmerksam, die im Schatten sind, die man aber selber nicht wahrnimmt.
- Die Gruppe kann als Schattengruppe die Rolle des Chores wie im antiken Drama übernehmen und dem Darsteller beistehen und ihn unterstützen oder ihn herausfordern.
- Durch die Gruppengemeinsamkeit der Schatten, durch das Gefühl, ein Teil des Ganzen zu sein, herrscht eine schützende und nicht belastende Atmosphäre, die im gemeinsamen Erleben mit dem Leiter/Therapeuten an
Bedrohlichkeit verliert, den Umgang mit Störungen ermöglicht und den Weg zur Problembewältigung öffnet.
- Zuletzt ist noch auf die Bedeutung der Schattensymbolik hinzuweisen, und dabei handelt es sich nicht um eine «statische», sondern um eine «dynamische», also eine «sich wandelnde» Symbolik.
|