Das pädagogische Buch zum Menschenschattenspiel:
“Lichträume, die auf der Leinwand dreidimensional erschienen und sich im furiosen Spiel steigerten. Die Wirkung berührte die vierte Dimension. ... ‘Loslegen!’ ruft jede Buchseite. Licht aus, Spot an!” (Werdener Nachrichten)
“... das einzige einschlägige Buch weltweit, das sich so intensiv und fachkundig mit dem Menschenschattenspiel auseinandersetzt” (Rainer Reusch)

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1. Jorgos Canacakis

Inhalte dieser Seite (zuletzt geändert 05/2001): Kapitel 1: Meine Schwäche für den Schatten: Eine Frau - vom Schatten verfolgt;   Bis das Tuch in Flammen aufging: Schattenspiele in meiner Kindheit;   Die Schatten der Antike

Das Menschenschattenspiel in der Therapie

Von Jorgos Canacakis

„Du kannst vor deinem Schatten nicht weglaufen. Ihn weghaben zu wollen,bedeutet, dich selbst weghaben zu wollen."

"Dein Schatten kann manchmal dein Schlupfwinkel werden, in dessen Winkel du dich ausruhen und erholen kannst."

"Darum: Befreunde dich mit deinem Schatten. Er meint es gut mit dir."

Kapitel 1: Meine Schwäche für den Schatten

(= ehemaliges Kapitel 9 aus dem Buch: Canacakis, Jorgos / Haehnel, Gerd / Söll, Florian: Wir spielen mit unseren Schatten. Vorschläge für Familie, Freizeit, Schule und Therapie. Reinbek bei Hamburg 1986, Rowohlt TB 7960; alle Rechte bei Jorgos Canacakis)

Eine Frau - vom Schatten verfolgt

Den Anstoß, mich mit dem menschlichen Schatten auch therapeutisch auseinanderzusetzen, erhielt ich von einer meiner Klientinnen vor drei Jahren, 1982. Die Beschwerden, die sie mir vortrug, wuchsen innerhalb der ersten Sitzung zu einem respektablen Beschwerdekatalog. Das Besondere an diesen Beschwerden war, daß sie eine Wandeltendenz zeigten. Mal ging es los mit Herzbeschwerden, die sie als Herzschmerzen bezeichnete, dann wurden sie zu Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und schließlich zu Atembeschwerden, begleitet von Angstzuständen, die sehr diffus waren.

Die Klientin war ziemlich verunsichert, weil es trotz einer jahrelangen Geschichte von Untersuchungen und einer Serie von Überweisungen, die sich nach dem gleichen Prinzip wiederholten (Hausarzt - Facharzt - Krankenhausaufenthalt - Veränderung des Beschwerdebildes und neue Beschwerden - Hausarzt - Facharzt - Krankenhaus usw. - Chronifizierung der Beschwerden) nicht gelungen war, eine organische Ursache für diese Symptome zu finden. Angst hatte sie auch davor, daß ich sie, wie andere zuvor, für eine Simulantin oder Hypochonderin halten könnte.

Ich beruhigte sie und sagte ihr, daß für unsere momentane Zusammenarbeit wichtig sei, was «da ist» und was sie empfinde, ohne daß wir nach Ursachen, Erklärungen und Beweisen zu suchen bräuchten. (Das beschriebene Beschwerdebild kann man zur groben Orientierung als «psychovegetative Störungen» bezeichnen.) Aus dieser eindimensionalen Betrachtung wurde ich von ihr schon in der zweiten Sitzung herausgeleitet, als sie mich mit folgenden Sätzen die Mehrdimensionalität und die Zusammenhänge des Krankheitsgeschehens erkennen ließ: «Der Schatten meines Mannes verfolgt mich Tag und Nacht. Er ist mir auf den Fersen bei meinen Tätigkeiten tagsüber oder nachts, vor und während des Nachtschlafs. Ich bin tagsüber unkonzentriert, und nachts schlafe ich wenig und schlecht.»

Die Symptome hatten einige Monate nach dem Tod ihres Mannes vor ca. fünf Jahren angefangen. Das Phänomen mit dem Schatten trat sporadisch während der letzten zwei Jahre auf, und in der letzten Zeit häuften sich die Situationen der Schattenempfindung bis zum Unerträglichen. Die Klientin war durch den Schatten sehr verängstigt. Deshalb mißlangen anfangs gemeinsame Versuche, mit dem Schatten in Kontakt zu kommen. Wenn sie sich auf ihn konzentrierte, verschwand er aus ihrer Vorstellung, andererseits vermied sie ihn bewußt, wenn wir ihn bei der Sitzung «suchten».

Bei der dritten Sitzung schlug ich vor, mit unseren beiden Schatten zu spielen. Ich zeigte es ihr auch gleich. Ich drehte den Strahler meines Schreibtisches zur weißen Wand gegenüber und stellte mich mit dem Rücken zum Licht zwischen Wand und Lichtquelle. Mein Schatten war groß und verzerrt durch den Winkel des Lichteinfalles. Ich versuchte einige Bewegungen mit meinem Körper. Diese wirkten auf der Wand spielerisch und lustig. Dann stellte ich mich seitlich und ließ meine Finger an der weißen Wand lustige Schattenspiele ausführen.

Das Bestaunen und Mitlachen hielt nur einige Minuten an. Dann stieg sie unaufgefordert ins Schattenspiel ein. Anfangs spielte sie mit dem Schatten ihrer zehn Finger. Nach etwa zehn Minuten des Spielens und Lachens hörte sie plötzlich auf und veränderte ihre seitliche Position zur Lichtquelle, drehte sich und betrachtete ihren großen Schatten. Anfangs war sie neugierig, dann aber wirkte sie ruhiger und mit der Zeit fast erstarrt. Sie schien an ihrem Schatten etwas zu entdecken, was ihr Angst machte. Ich erkannte dies an ihren weitaufgerissenen Augen, an ihrem schnellen Atmen und an den ersten Schweißtropfen auf ihrer Stirn.

Als sie versuchte, der Spannung des Schattenanblicks durch einen Schritt zurück zu entgehen, vergrößerte sich der Schatten auf der Wand, und es schien, daß sie diese Spannung nicht mehr lange aushalten würde. Kurz bevor sie es nicht mehr ertragen konnte, rief ich ihr zu:

«Ich bin auch hier und kann dir helfen. Möchtest du versuchen, den Anblick des Schattens noch ein wenig auszuhalten?»
Ohne den Blick von der Wand wegzunehmen, nickte sie mir zu.
«An was erinnert dich der Schatten? Kennst du ihn?» fragte ich sie.
Sie sagte kein Wort, aber sie nickte wieder.
«Ist das der Schatten, der dich die letzten Jahre verfolgt hat? Hat er Ähnlichkeiten mit ihm?»
Auch diesmal nickte sie.
«Schau ihn dir nochmals richtig an, .. . seine Form, ... seine Größe,... seine Dunkelheit... Was löst bei dir dieser Schatten aus?»
«Angst, viel Angst! » sagte sie.
«Wo sitzt diese Angst?»
«Im Herzen. Mein Herz flattert ... Auch in meinem Magen, der sich umdreht, und mir wird‘s übel.»
«Was ist noch da?»
«Ja, mein Kopf fühlt sich an wie aus Holz, und ein Druck da drinnen macht mir Kopfschmerzen.»
«Möchtest du versuchen, jetzt die Augen zu schließen, nachdem du dir nochmals den Schatten auf der Wand angeschaut hast?»
Als sie die Augen schloß, schob ich ihr einen Stuhl hin und half ihr, es sich mit geschlossenen Augen bequem zu machen.
«Bleibe in Kontakt mit der Angst im Körper und höre, was der Schatten will und was er dir sagt.»
Es folgte eine Sitzung, aus der klar wurde, daß dieser Schatten ihr eigener war, der ihr starke Vorwürfe über den Tod ihres Mannes machte: Der Schatten, der die ganzen Schuldgefühle in seinen dunklen Ecken trägt und ihr nichts verzeiht.

Genauere Hinweise zur Methodik und zum Medium dieser Therapiesitzungen finden sich in den folgenden Kapiteln. Im Moment ist es lediglich wichtig festzuhalten, daß der Schatten der Klientin und mir ermöglichte, eine unerledigte Trauer zu entdecken und diese bei den nachfolgenden Sitzungen durch trauertherapeutische Methoden [...] zum Abschluß zubringen. Schon am Ende der Sitzung war sie sehr zufrieden und erleichtert. Ich hatte das Licht meines Schreibtischstrahlers ausgeschaltet, und der Schatten war nicht mehr da.

Mit der Zeit verlor sie die Angst vor dem Schatten, vermied ihn nicht mehr, und in den meisten Folgesitzungen suchte sie die Auseinandersetzung mit ihm. Nach drei Monaten konnte sie ihren Schatten als ein Teil ihres Daseins erkennen, akzeptieren und ganz in ihre Person integrieren. Die psychovegetativen Störungen sind mit dem Verschwinden des «bösen Teils» des Schattens mit der Zeit auch weggeblieben.

Dieses Erlebnis mit der Klientin machte mich neugierig und ermutigte mich, mich mit diesem Medium weiter auseinanderzusetzen.

Bis das Tuch in Flammen aufging: Schattenspiele in meiner Kindheit

Die Erfahrungen mit meiner Klientin und die Beobachtung, daß bei vielen Arbeiten mit Patienten oder mit wachstumsorientierten Gruppen der Ausdruck «Schatten» oft vorkam, ließen bei mir vermehrte Aufmerksamkeit hierfür entstehen.

Der Gedanke, mich mit dem Schattenphänomen weiter zu befassen, fiel bei mir wegen meiner Kindheitserinnerungen auf fruchtbaren Boden.

Schöne Erinnerungen habe ich an meine Kindheit in Griechenland, als ich sechs Jahre alt war und des öfteren KARAGIÓZIS, ein Schattenspiel mit kunstvoll geschnittenen Figuren aus Karton, in einem nahegelegenen Sommerkino in Begleitung meines Vaters oder meines älteren Cousins erlebte.

Ich spüre auch jetzt, wie die angenehmen Regungen von damals heute noch meine Gefühle in Bewegung versetzen. Meine Begeisterung für diese Kunstgattung und das Medium, das meine Phantasie ins Unermeßliche trieb, vermehrte sich bei jedem Besuch. Ich wollte nicht nur als Zuschauer beteiligt sein, sondern selber mit dem Medium handelnd ins Erlebnis einsteigen.

Dieses Schattenspiel hat seine Wurzeln im arabischen Raum. Es hat sich in Griechenland, während des vergangenen Jahrhunderts, zu einem eigenständigen Volksschattentheater entwickelt.

Das KARAGIÓZIS-Schattentheater ist eine Kunstform, die für das Volk wie geschaffen zu sein scheint. Volk, das sind einfache, arme Menschen, Analphabeten. Diejenigen, die es entwickelt haben, gehören genauso zum Volk wie die, für die es entwickelt wurde. Es braucht keine besondere Ausstattung außer einem Holzgestell, auf das man ein weißes Tuch spannt, keine besonderen Räume, weil eine Wiese genügt, wo es oft genug eine gute Akustik gibt, und man braucht kein teures Material, nur Figuren, die man selber nach vorgegebenem Muster malen, diese dann auf einen Karton kleben und ausschneiden kann.

In dieser Theaterumgebung habe ich sehr früh erfahren, daß durch das Medium ausgedrückt werden kann, was einen innerlich bewegt. Gefühle konnten und durften dort gespürt und den anderen auch offen gezeigt werden: nicht nur, was einem Freude machte, sondern auch, was einem Angst machte, und das oft lange Verdrängte und aus Angst vor Bestrafung Vermiedene. Im gemeinsamen Erlebnis war es sehr angenehm, sich mit den verschiedenen Figuren und Charakteren zu identifizieren, mit ihnen Aggressionen zu zeigen oder die Typen, die dort vorkamen, stellvertretend für einen selber leiden zu lassen.

Auch Themen wie Sexualität und Moral wurden dort für mich zum erstenmal richtig abgehandelt. Wenn z. B. Tabuwörter vorkamen, für die man daheim mit einer Tracht Prügel belohnt wurde, durfte man hier lachen, und in dem Durcheinander konnte man diese Wörter sogar selber laut wiederholen. In der Satire wurde der diebische Bäcker gegeißelt, dessen Brote von Tag zu Tag weniger wogen, oder Arzt und Wissenschaftler wurden herausgestellt und lächerlich gemacht, die immer nur ein unverständliches Fremdwörterkauderwelsch sprachen. Durch Übertreibungen wurden die Reden von Politikern in ihren notorischen Versprechenstiraden entlarvt.

Die Schatten der Figuren auf dem Tuch ließen einerseits viel Raum für die kreativen Phantasiekompositionen der Zuschauer, und andererseits wurde damit alles prägnant, verständlich und manches Unerklärliche des Lebens einsichtig gemacht. Geschichtliche Ereignisse konnten in ihrer Bedeutung für das Heute hervorgehoben und damit verarbeitet werden. Die Helden konnten ihre Taten wiederholen, und wir Zuschauer konnten daraus Kraft schöpfen. Die aggressiven Schatten auf der Leinwand durften morden und viel Böses tun, und da wir als Zuschauer Ähnliches wünschten, dachte niemand daran, die Helden für das grausame Verhalten zu kritisieren.

Oft waren die Schattenfiguren für die Zuschauer Modelle für das richtige Weinen, Lachen, Fluchen, aber auch für liebes, zärtliches, weiches Verhalten und sogar für Schwäche, die plötzlich auch Sympathie bei den Zuschauern entstehen ließ.

Es dauerte nicht sehr lange, und nach guten Vorbereitungen konnte ich mit Hilfe meiner zwei Schwestern im Alter von neun Jahren auch so ein KARAGIÖZIS-Spiel veranstalten. Die Programme waren natürlich alle handgeschrieben und wurden in der Nachbarschaft verteilt. Unsere Bühne war neben dem Hühnerstall, und wir hofften, daß die Hühner sich schlafen legen würden, bevor die Vorstellung anfing. Erschrocken waren wir, als schon zehn Minuten vor dem Beginn der Platz neben dem Hühnerstall mit Zuschauern vollbesetzt war und die Neuankommenden keinen Platz mehr fanden.

Wenn meine Mutter an diesem Abend gewußt hätte, daß das Schattentuch, welches auf das Holzgestell des Hühnerstalls gespannt war, das weiße, seidene Bettuch aus ihrer Mitgift war, hätte sie die Vorstellung bestimmt platzen lassen.

Es war das Ereignis meines damaligen Lebens! Das Kerzenlicht flackerte leicht im Wind, und die Schatten der Figuren wirkten anregend für die Phantasie. Im Schutz des Schattens konnte ich an diesem Abend und an anderen, die nachfolgten, viel von meinen Bedürfnissen und versteckten Wünschen ausdrücken. Ich konnte singen, schimpfen, Wut zeigen, den vorgegebenen Text durch einen eigenen, entsprechend der aktuellen Lebenssituation verändern und bereichern. Viele Kinder, die mit ihren Müttern als Zuschauer anwesend waren, konnten ihre Begeisterung nicht zurückhalten und applaudierten lange, als ich in einem Stegreifspiel einen Schatten einer besonders präparierten Figur auf die Leinwand warf, der in Verbindung mit einer hohen Stimmgebung und den dazu passenden Sätzen unsere böse Lehrerin erkennen ließ, die wir «Hexe» nannten.

Es war herrlich, in die Schatten hinein viel von meinen unausgedrückten Gefühlen zu geben — auch gegenüber Personen, die ich nicht mochte.

Im Schatten der Schatten konnte ich damit viel von dem, was mich innerlich bedrohte, loswerden und verlor die Angst vor Konsequenzen und Verlust von Zuwendung. Die Zuschauer belohnten das Spiel der Schatten mit Applaus und Begeisterung.

Das ganze Unternehmen fand nach einiger Zeit, gegen Ende des Sommers, wo auch die Ferien bald aufhörten, einen jähen und wenig glorreichen Abschluß, als unglücklicherweise eine Kerze hinter dem Projektionstuch durch die Hitze sich unbemerkt neigte und das weiße Tuch plötzlich in Flammen stand. Es war natürlich auch ein tolles Spektakel, weil das Ganze zum Spiel paßte, da in dem Moment eine Kanonenkugel fallen sollte. Die Kinder waren ganz begeistert und dachten, daß es dazugehörte. Sie veranstalteten einen Reigentanz, wobei viele Pflanzen und Blumen im Garten zertreten wurden. Daß unsere Mutter nicht gerade erfreut war, läßt sich aus dem verhängten Spielverbot erkennen.

Meine Faszination für das Schattenspiel konnte mir aber seit damals niemand wegnehmen.

Im Schatten steckte für mich also eine ganze, noch nicht entdeckte, faszinierende Welt. Indem ich mich an all dies erinnerte und es bedachte, wurde mir klar, warum das Scbattenereignis mit meiner Klientin so viel bei mir auslöste und mich neugierig machte.

Die Schatten der Antike

Um die Arbeit mit dem Schatten verständlicher zu gestalten, ist es notwendig, auf seine Bedeutung in der Antike mit ihren Mythen und archaischen Vorstellungen und auf den Zusammenhang einzugehen, aus dem die mythologischen Motive entstanden sind. Folgen Sie mir also ein wenig in die Vorstellungen vom antiken Schattenreich. Auch wenn für ein vollständiges Verständnis eine gewisse Grundkenntnis der griechischen Mythologie vorausgesetzt werden muß, so mag doch auch ohne diese deutlich werden, daß es in der griechischen Mythologie nicht nur die allgemein bekannten und in uns und unserer Kultur nachwirkenden negativen Vorstellungen vom Hades, dem Reich der Schatten, gibt, sondern auch viel hoffnungsvollere Vorstellungen.

Bei Ursituationen des Lebens wie z. B. Verliebtheit, Schwangerschaft, schwerer Krankheit, Geburt oder Tod, Träumen, Spontanbildem in Tagträumen und Gefahrensituationen oder Ähnlichem im Leben werden uns schattenhafte Anteile bewußt, die uns an JUNGS grenzenloses kollektives Unbewußtes und an dessen archetypische Strukturen erinnern. (Man könnte dies «ontogenetische Schattenarchetypen» nennen.)

Aus den Erlebnissen unserer Vorfahren in der Antike fließt unbewußte Energie zu uns, die die Dunkelheit und die Schatten mit einer sonderbaren Faszination ausstattet: sie macht daraus eine Atmosphäre, die auch mit Angst, Desorientierung und Labilisierung zu tun hat, die aber auch Phantasie, Kreativität und immense Neugierde aktiviert.

Was zu uns aus unserer Urgeschichte herüberfließt, wenn wir die archetypischen Strukturen aufdecken, ist meistens mit einseitig Negativem behaftet. Vielleicht haben Ereignisse in der Menschheitsgeschichte durch Äonen (Jahrtausende) sowie die Art ihrer Verarbeitung durch die Menschen dazu beigetragen.

Wenn wir das Bild des Schattens der antiken Sagenwelt und Mythen genauer anschauen und auf uns wirken lassen, entdecken wir bei unseren Vorfahren allerdings auch eine differenzierte Betrachtung, z. B. daß die Polaritäten Geburt und Tod keine Gegensätze sind, die sich ausschließen, sondern zwei Aspekte einer Wirklichkeitseinheit, die Leben bedeutet: also eine dialektische Wortverbindung, deren Synthese im Wort Leben zu finden ist und eine polare Einheit schafft.

Apollo z. B. ist nicht nur Sonnen-, sondern auch Todesgott. Die Erdmutter Demeter war als Verwalterin Plutos nicht nur Herrin des Schattenreichs, sondern auch die Göttin der Lebenswiege. Der Weg durch das Schattenreich war keine leicht zu bewältigende Aufgabe, endete aber nicht unbedingt im Nichts oder im Chaos. Chaos und Nichts waren schon lange strukturiert durch die Entstehung von Gaia, Uranos und Titanen, Giganten, Zyklopen und Hekatoncheires. Viele mythische Helden kämpften mit Dämonen und schrecklichen Ungeheuern sowie dem Bösen des Dunkels, setzten sich so mit der Schattenwelt auseinander, und dieser Weg führte zum Heilwerden des eigenen Selbst. Dennoch hat die griechische Unterwelt des Hades immer einen negativen Beigeschmack behalten.

Für dieses negative Image des Hades gibt es keinen uns bekannten Grund, nur Spekulationen. Hades galt als der meistgehaßte aller Götter. Er war die Personifizierung der Endgültigkeit des Todes, der in seiner Schattenwelt zu finden war.

Die Toten stellte man sich in einer Traumwelt voller Schattenrisse vor: Die Seelen nehmen Abschied und gehen zum Hades in ein dunkles Reich der Schemen und Schatten. Diesem Schattensein kann die Seele nicht entgehen, sie muß hindurch. Hier herrscht Skotos (Dunkelheit). Man begegnet hier auch den Furien oder den Erinnyen.

«Sie sind greise Göttinnen. Sie haben Schlangenhaare, Hundehäupter, kohlschwarze Körper, Fledermausflügel und blutunterlaufene Augen. In ihren Händen tragen sie messingumwickelte Geißeln, und ihre Opfer sterben unter Qualen.» (Graves 1955, 5. 107)

Diese Zorn- und Rachegeister leisten auch innere Zerstörung. Sie sind personifizierte Gewissensbisse, die einen Sünder nach der Verletzung eines Tabus befallen. Sie sind nichts anderes als die bekannten Wutausbrüche der Seele gegen sich selbst. Das hat zwar eine reinigende Kraft, scheint aber sehr schmerzhaft zu sein, wenn es längere Zeit in Anspruch nimmt.

Die Hadesfahrt Richtung Tartaros, wo das Schattenreich ist, bedeutet völlige Verlorenheit, Zwecklosigkeit, Leid ohne Ende, unseliges Leben, sogar Vernichtung und ewiges Aufhören des Ichs.

Styx, der grausame Fluß, bedeutet die endgültige Abgrenzung von den Lebendigen. Der grauhaarige Charon mit dem schmutzigen Gewand und den feuerspeienden Augen bringt einen auf seinen Schultern durch den Fluß, und das ist eine Fahrt ohne Hoffnung auf Wiederkehr. Diese von Skotos beherrschte griechische Hölle hat als das Reich der Schatten eine sonderbare, furchterregende, unendliche, dunkle Tiefe. Hier geschieht Sinnloses ohne Ende, und alles wiederholt sich, bis es zur Qual wird, so wie es von Sisyphos, Tantalos und den Danaiden her bekannt ist.

Die Wirkungen solcher Überlieferungen auf die Nachwelt werden aus zwei Grabinschriften in Pompeji ersichtlich:
«Nach dem Tod gibt es nichts mehr, nur was du siehst, ist der Mensch. »
«Freund, der du dieses liest, lebe dein gutes Leben, denn nach dem Tod gibt es weder Lachen noch Scherz noch Freude.»

Diese Schwermut beherrschte nicht nur die Bewohner Pompejis vor Jahrtausenden angesichts des Todes und der dazugehörenden Vorstellung vom Schattenreich des Hades, sie beherrscht auch die heutigen Menschen in der Konfrontation mit der Dunkelheit und dem Schatten. Es sind archetypische Elemente, die unbewußt zur Wirkung kommen und Angst und Faszination gleichzeitig auslösen. Aber - wie schon angedeutet - eine differenziertere Betrachtung der antiken griechischen Welt läßt uns auch ganz andere Vorstellungen vom Hades erkennen!

Die pelasgisch-orphische Zeit mit dem theoretischen Hintergrund der Metempsychosis (Seelenwanderung) erlaubt ein hoffnungsvolleres und sinngebendes Bild von diesem Schattenreich, und zwar dadurch, wie man sich bei den «eleusinischen Mysterien» in Attika in Eleusis bei Athen verhält.

Dieses «mystische Drama», ein mystisches Fest und sinnenhaftes Feiern mit dionysischen, rauschhaften Elementen (Katharsis, Ekstase, orgiastisches Verhalten), läßt die Teilnehmer ganzheitliche Erfahrungen mit sich selber, sowie mit ihrer sozialen und ökologischen Umgebung machen. Das festliche Treiben befreit sie nicht nur seelisch und körperlich, sondern auch ihre Imagination und Phantasie, die ihnen dann kreative Gedankengänge erlaubt. Es entsteht ein anderes Bild vom Jenseits und dem Leben dort. Die Mysterien bieten den Anwesenden die Möglichkeit, die engen Formen des Denkens und die Beschränktheit der Phantasie zu überwinden und das Leben im Hades farbiger auszumalen. Der Hadesaufenthalt enthält somit einen anderen Sinn und andere Inhalte. Das Gestaltlose und Milchige des Skotos (Dunkelheit) gewinnt deutliche Umrisse, und die Unterwelt erhält eine positivere, kontrastreichere und anschaulichere Darstellung.

Bei der orphischen Katabasis (Fahrt in die Unterwelt) hat man somit eine phantasievollere, lebendigere Vorstellung vom unsichtbaren Reich der Schatten, die damit auch nicht mehr nur Grauen auslösen.

Dabei spielen die Erdmutter Demeter und ihre Tochter Persephone eine wichtige Rolle. Demeter ist als Herrin der Toten zornig und manchmal auch furchtbar böse, wenn es die Situation verlangt. Gleichzeitig aber kann sie auch gütig und fruchtspendend sein. Sie ist sowohl Grabesgöttin wie auch Göttin der Lebenswiege. Persephone ist der sterbende Mensch, der die Unterwelt mit der Oberwelt halb-jährig tauscht. Dieses Auf und Ab ist in einen Kreislauf eingebunden, wie die zyklische Abfolge der Jahreszeiten: im Herbst das Sterben, im Frühling Neugeburt. Hades wird damit zum Grab, das auch Geburt bringt. Persephone entrinnt dem Hades, obwohl sie zu ihm zurückkehrt.

Statt aus dem Quell des Vergessens, Lethe, wird aus dem Quell der Erinnerung getrunken, was an frühere Geburten erinnert und somit die Hoffnung einer schöneren Wiedergeburt nach dem Tod bestärkt. Diese Hoffnung wächst im Tod mit. Der Tote, der begraben wird, verpuppt mit der Zeit. Die Leiche verkrümmt sich dann zum Embryo und erwartet geduldig ihre Wiedergeburt. Das Grab begräbt einen nicht und behält einen nicht auf ewig, sondern trägt zum Reifen bei. Aus dem Verpuppten im Schattenreich soll der Schatten wiedergeboren werden.

Das eleusinische Geschehen erlaubt es auch uns vielleicht, eine eleusinische Hoffnung zu haben, ähnlich dem Frühlingsbild: wie die Erde selber aus der Leichengestalt wieder hervorkommt. Auch Dionysos, als Gott des feuchten und befruchtenden Lebens, trägt die dialektische Bezeichnung [...] nächtlicher Tag (Schatten und Tag).

Die eleusinischen Mysterien erhalten durch die Einbeziehung des Fruchtbarkeits- und Frühlingsgottes Dionysos mit den orgiastischen, ekstasischen und reinigenden Feiern einen besonderen Inhalt, welcher das Bild von der Schattenwelt verändert. Die Anabasis (Aufsteigen) aus der Schattenwelt des Hades geschieht im Frühling, wenn die Sonne wieder strahlt. Die Hadesschatten weichen, und es bleiben nur die lebendigen Schatten der wiedergeborenen Menschen sichtbar. Die fruchtbare Demeter und der dionysische Akzent lassen das Dasein im Hades nur als einen Zwischenaufenthalt erscheinen.

Die prähellenistische Hoffnung auf Wiedergeburt gewinnt Gestalt, das Nichts formt sich, und die Überwindung des Todes wird zum Inhalt für den Weg des Menschen in seiner Auseinandersetzung mit dem Tod. Er wird auch sensibler für die Bedeutungen von Schattenphänomenen und achtet somit mehr auf seinen eigenen Schatten, auch während seines irdischen Daseins.

Vieles von dem hier Gesagten mag dem heutigen Leser allzu mystisch erscheinen. Aber jedenfalls kann man als Ergebnis festhalten, daß es auch in der griechischen Mythologie eine viel hoffnungsvollere Sicht der Schattenwelt gibt, als allgemein bekannt ist. Könnte dies nicht auch für uns eine Aufforderung sein, unser eigenes Verhältnis zum Schatten zu überdenken?